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Zwangsaufenthalt in Port-de-Bouc

„Stinkt es sehr dort?“ fragt meine französische Freundin mit einem augenzwinkernden Emoji. Da fällt mir erst auf, dass „bouc“ auf Deutsch „Ziege“ heißt. Aber es stinkt tatsächlich, wenn auch nicht nach Ziege – auf der anderen Seite des Hafens befindet sich eine Gasraffinerie.

Am 6. April sind wir von Marseille aus aufgebrochen, und seither hängen wir hier fest, in Port-de-Bouc. Nie gehört? Kein Wunder. Eigentlich war der Plan, von Marseille bis Saintes-Maries-de-la-Mer zu fahren, aber die berüchtigte Südwelle machte uns einen Strich durch die Rechnung. Nun also Zwangsaufenthalt in diesem 17.000-Einwohner-Kaff am Golfe de Fos, eingeklemmt zwischen einem riesigen Mittal-Stahlwerk auf der einen und eben der Gasraffinerie auf der anderen Seite. Und über uns dreht sich unermüdlich das Tiefdruckgebiet mit Dauerwind aus Süden und viel, viel Regen.

Bei diesem Wetter jagt man doch keinen Hund vor die Tür, oder?
Bei diesem Wetter kann man nur schlafen…

Wir haben durchaus ein Auge für die Schönheit des Verfalls, aber hier ist eigentlich nur Verfall ohne Schönheit. Die Bausubstanz wirkt durchgehend wie aus den 80ern und später, aber seit dem ersten Anstrich scheint nicht mehr viel gemacht worden zu sein. Selten haben wir irgendwo flächendeckend so viele Hundehaufen, Glasscherben und Vandalismus gesehen. Am Hafen gibt es ein paar Restaurants, ansonsten steht vieles leer.

Um das innere Hafenbecken herum befinden sich einige Lokale
Das innere Hafenbecken mit Restaurants und Bars
Auf diesem Platz findet zweilaml die Woche ein Markt statt
An den Tagen ohne Markt ist es auf dem Marktplatz eher trostlos

Wir liegen längsseits an einem Beton-Quai vor einer Fischmarkthalle, die in den 80ern mit EU-Geldern errichtet, später aber dann aufgegeben wurde und sich seither im Umbau befindet. Die sanitären Einrichtungen des Hafens liegen komplett auf der anderen Seite des Beckens, und auf den fünfminütigen Fußmarsch dorthin haben wir keine Lust, also wird weiterhin an Bord geduscht. Der Hafen ist nicht besonders gut gegen die Wellen aus dem Golfe des Fos geschützt, und bei dem anhaltenden Südwind schaukelt es ordentlich.

Der Liegeplatz am Quai vor dem ehemaligen Fischmarkt befindet sich gegenüber vom eigentlichen Yachthafen
Liegeplatz am Quai vor dem ehemaligen Fischmarkt
Für größere Boote gibt es einige wenige Liegeplätze seitlich am Quai
Liegeplatz am Quai vor dem ehemaligen Fischmarkt
Von der anderen Seite des Hafens hat man hier den Blick auf den ehemaligen Fischmarkt
Blick auf unser Boot vor dem ehemaligen Fischmarkt

Vor unserem Boot, direkt neben dem Stromanschluss, hatte uns beim ersten Anlegen ein riesiger plattgefahrener Hundehaufen empfangen, der sich nach ein paar Tagen Dauerregen etwas im Umfang verringert, den Hafenmeister aber null interessiert. Wir haben einen Badge für die Tür zum Hafengelände bekommen, aber seit dem zweiten Tag unseres Aufenthalts stehen die Tore dauerhaft offen. Wir sind also extra gewissenhaft, nichts Wertvolles an Deck liegen zu lassen, aber hier hat man das Gefühl, dass sich potentielle Diebe auch schon über einen Wasserschlauch freuen könnten, und wir liegen, von der Straße aus gut einsehbar, quasi auf dem Präsentierteller. Nach vier Tagen fällt die Hafenbeleuchtung aus, die uns noch ein gewisses Gefühl von Sicherheit verliehen hat. Und das alles bei einem Liegeplatzpreis von knapp 50 Euro pro Tag. Aber an einen Hafenwechsel ist bei dem Wetter nicht zu denken.

Wenn man die äußere Hafenmauer hinausläuft, hat man ein recht guten Blick auf den Yachthafen
Blick auf den Yachthafen von der äußeren Hafenmauer aus

Nach ein paar Tagen ruft die Dame vom Hafenbüro an und erklärt, am Sonntag, den 15. April würde man den Platz, an dem wir liegen, anderweitig benötigen. Sie bietet uns einen alternativen Platz an, aber wir müssten rückwärts am Quai anlegen. Aufgrund des ungünstigen Schnitts unseres Bootes wäre der Ausstieg mit den Hunden sehr schwierig, und da es noch ewig hin ist bis Sonntag, bleiben wir lieber liegen wo wir sind. Am Donnerstag klingelt sie erneut durch und meint, jetzt wäre es gerade so schön windstill, die Gelegenheit könnten wir doch nutzen und an den anderen Platz umziehen. Da der Wetterbericht sich nun endlich gebessert hat und wir planen, am Samstag, spätestens am Sonntag um sieben Uhr morgens abzufahren, gehen wir auf diesen Vorschlag nicht ein.

Von dieser Stelle des Yachthafens sieht man praktisch bis in den Golfe des Fos hinein
Der Yachthafen von Port-de-Bouc mit dem Fort im Hintergrund

Am Samstag kündige ich in der Capitainerie unsere Abreise für Sonntag 7 Uhr morgens an, bezahle den Liegeplatz für neun Tage und bekomme die Schiffspapiere ausgehändigt. Wir machen das Boot seefest und reservieren für abends noch einen Tisch bei unserem Lieblingstürken. Nachmittags um vier klingelt das Telefon – mal wieder die Dame vom Hafenbüro. Ich werde wüst beschimpft, wie unverschämt es von mir sei, ihr soviel Arbeit zu machen. Sie brauche den Liegeplatz morgen, und wir sollten jetzt sofort den Hafen verlassen, das Angebot mit dem alternativen Liegeplatz gelte jetzt nicht mehr, Basta. Erschrocken über so viel Feindseligkeit lege ich kommentarlos auf. Natürlich gibt die Dame nicht auf und schickt kurz darauf einen jungen Hafenangestellten vorbei. Thomas, der auch mit Terroristen verhandeln würde, telefoniert also notgedrungen nochmal mit der Hafen-Trulla. Nachdem er sie gezwungen hat, sich zu entschuldigen, einigen sich die beiden darauf, dass das Boot auf den anderen Platz verlegt wird. Bei jedem Ein- und Aussteigen mit den Hunden sterbe ich tausend Tode, und als wir am nächsten Morgen um sieben aufbrechen, liegt unser alter Platz immer noch verwaist da. Fazit: Dieser Hafen nie wieder.

Aber zwei Highlights dieses Aufenthalts muss ich doch noch nennen, die eigentlich beide fast einen Zwischenstopp in Port-de-Bouc rechtfertigen:

Le Catamaran, ein ausgesprochen leckeres türkisch-griechisches Restaurant direkt am Hafen: http://www.restaurant-lecatamaran.fr

Le Fournil du Port, tolle Bäckerei direkt neben dem Netto, 49 Avenue Maurice Thorez. Von den Pipelettes werde ich noch eine Weile träumen…

Und dass die Umgebung von Port-de-Bouc recht spannend ist, kann man in diesem Beitrag von Thomas nachlesen.

Published inFrankreichRouten

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