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Von Besançon nach Montbéliard auf dem Canal du Rhône au Rhin

25.10. bis 27.10.2018 – 91,5 km – 35 Schleusen – 2 Hebebrücken – 19,45 Stunden

25.10. Es wird Winter.

Nachdem ich in Saint-Jean-de-Losne noch in T-Shirt und Flipflops unterwegs war, ist es ein ziemlicher Schock, wie schnell es kalt geworden ist. Nächste Woche soll es auf unserer Strecke angeblich sogar schneien! Wir sind sehr dankbar für das Gebläse unterm Steuerstand, das während der Fahrt warme Luft aus dem Maschinenraum nach oben befördert. Die Chilis sind inzwischen auch nach drinnen umgezogen.

Die Strecke ab Besançon wird jetzt richtig anspruchsvoll. Der Tiefenmesser behauptet stellenweise, es sei gar kein Wasser mehr unter dem Kiel. Das geschieht meistens dort, wo ein Kanalabschnitt in den Doubs mündet oder aus ihm abzweigt. Auch ist insgesamt so wenig Wasser in dem schmalen Kanal, dass sich das Steuern manchmal anfühlt, als sei man in einer Schüssel Götterspeise unterwegs. Man wabert total in der abgestandenen Brühe rum, weil die Ruder nicht mehr richtig angeströmt werden.

Bei Besançon steht eine große alte Fabrik, die mit Graffiti übersät ist
Fabrikruine hinter Besançon
Auch diese Fabrik ist voller Graffiti
Graffiti an einem alten Fabrikgebäude
Diese Art von Felsformation ist typisch für das Jura
Typische Felsformation bei Deluz

Die Schleusenzufahrten liegen häufig in mehr oder weniger scharfen Kurven, was die Einfahrt ziemlich kompliziert macht. Die Schleusen selbst sind überhaupt nicht einheitlich, weder im Maß noch hinsichtlich der Festmachpunkte. Ich bin heilfroh, dass wir diesen Kanal nicht zu Beginn unseres Bootslebens gefahren sind, als ich mit der Navigation der AWOL noch nicht so vertraut war – für Anfänger ist der Canal du Rhône au Rhin wahrscheinlich die Hölle!

Der Doubs hat Niedrigwasser
Nicht mehr viel Wasser hier im Doubs
Bei dem niedrigen Wasserstand des Doubs liegen die Anleger teilweise auf dem Trockenen
Gut, dass wir hier nicht anlegen wollen – das dürfte schwierig werden
Deluz hat einen netten kleinen Hafen für Freizeitschiffer
Der kleine Hafen in Deluz

Für die Nacht machen wir in Baume-les-Dames fest, einem netten kleinen Hafen mit Strom. Der Tiefenmesser sagt, wir liegen auf dem Trockenen. Wieder fahren die Holländer mit ihrem dicken VDL Pilot 50 namens Bon Vivant an uns vorbei. Später klopft es am Fenster, und ein freundlicher Franzose erkundigt sich teilnehmend nach unserem Tiefgang. Weiter vorne, sagt er, hätte ein holländisches Boot ziemliche Probleme mit dem Wasserstand gehabt…

Der kleine Hafen von Baume-les-Dames ist ebenfalls recht gemütlich
Hafen von Baume-les-Dames
Baume-les-Dames ist klein, aber geschichtsträchtig
Baume-les-Dames, ein Kaff mit Geschichte

26.10. Kein Strom für Ausländer

Am nächsten Tag geht’s von Baume-les-Dames nach L’Isle-sur-le-Doubs. Auch diese Strecke erfordert volle Konzentration. Landschaftlich ist es aber sehr schön. Mit Sonne wäre es sicher noch  viel schöner.

Die Strecke zwischen Besançon und Montbéliard auf dem Canal du Rhône au Rhin ist durchaus malerisch
Schön ist es hier schon!
Der Canal du Rhône au Rhin ist geprägt von engen Durchfahrten, niedrigen Brücken und im Moment wenig Wasser
Enge Durchfahrt, niedrige Brücke, wenig Wasser

Als wir in L’Isle-sur-le-Doubs anlegen, sind die Holländer schon da. Sie sagen, Strom gibt es nur für Franzosen. Die Strom- und Wasserkästen sind mit einer Bezahlvorrichtung versehen, die angeblich nur französische Bankkarten akzeptiert. Wir können das nicht glauben und probieren sämtliche EC- und Kreditkarten durch, die wir haben. Ohne Erfolg. Bei der Gemeinde ist niemand mehr da, und so lassen wir grummelnd über Nacht die Dieselheizung laufen und kochen mit Generator. Nachgerade unfreundlich und natürlich total EU-rechtsunkonform finden wir das!

Der Anleger von Isle-sur-le-Doubs befindet sich direkt hinter dieser Schleuse
Einfahrt nach Isle-sur-le-Doubs; der Anleger ist hinter der Schleuse

Den Ort selbst würde ich jedem Film Location Scout empfehlen – ein perfektes Setting für depressive Autorenfilme, Horror Thriller oder sozialrealistische Milieustudien.

Der Ort Isle-sur-le-Doubs wirkt ziemlich düster
Isle-sur-le-Doubs ist ein eher finsteres Kaff
Auch in Isle-sur-le-Doubs steht wieder eine alte Fabrik am Ufer
Alte Fabrik am Ufer des Doubs
Isle-sur-le-Doubs, ziemlich finster im Herbst
Das Wetter lässt den Ort nicht freundlicher wirken

27.10. Het regent vandaag…

…es regnet heute. Das ist unser holländischer Lieblingssatz (also rein sprachlich, nicht inhaltlich, und wenn das so klingt, als könnten wir noch viel mehr holländische Sätze, dann täuscht das). Eigentlich ist Regen zwar super, denn noch weniger Wasser würde unser Fortkommen unmöglich machen. Andererseits – igitt! Wir sind das gar nicht mehr gewöhnt, dieses nasse Zeug von oben. Bei abgesenkter Persenning bilden sich überall Wassertaschen im Stoff, und es rinnt durch die Reißverschlüsse ins Cockpit. Wir basteln uns aus einem Vierkantholz ein Hilfsmittel, mit dem wir die Persenning wenigstens zwischen den Brücken ein bisschen auf Spannung bringen können, damit uns nichts aufs Steuerpult pritschelt.

Sorge bereiten uns auch die beiden Brücken auf unserer heutigen Strecke, die mit 3,40 m und 3,30 m auf der Karte angegeben sind. Da müssen wir eventuell die Scheiben klappen, wozu wir die gesamte Persenning aufmachen müssten. Das geht nicht bei Regen, dazu haben wir zu viel Elektrik am Steuerstand.

Die Holländer sind eine Stunde vor uns in L’Isle-sur-le-Doubs aufgebrochen, weil wir mal wieder zum Tierarzt mussten – Xabi hat diesmal eine eitrige Wunde unbekannten Ursprungs an der Hinterpfote und braucht Antibiotikum. Der Vorteil bei der Sache: Solange uns die Bon Vivant nicht rückwärts entgegenkommt (Wenden ist praktisch unmöglich auf dieser Strecke) oder unter einer Brücke klemmt, können wir relativ sicher sein, dass wir auch durchpassen. Die Pilot 50 hat nämlich mehr Tiefgang als wir und ungefähr die gleiche Höhe wie unsere Scheibenoberkante, kann aber nichts mehr klappen.

Und in der Tat passen wir unter den Brücken gerade so durch. Ansonsten ist dieser Kanalabschnitt deutlich entspannter als die vorherigen. Dadurch, dass die Strecke nicht mehr teilweise durch den Doubs führt, ist der Wasserstand durchgängig reguliert, mit Ausnahme einer einzigen kritischen Schleusenhaltung, in der der Kanal den Doubs kreuzt. Diese Stelle bei normalem Wasserstand und entsprechender Strömung zu passieren, ist übrigens sicher auch nichts für zarte Gemüter!

Bei elf Schleusen und zwei Hebebrücken auf der heutigen Strecke sind wir trotzdem etwas nervös, ob wir es vor Einbruch der Dunkelheit bis Montbéliard schaffen werden. Dass uns die Dame vom VNF eine halbe Stunde lang aufhält, weil die Feuerwehr erst einen Hund aus der nächsten Schleuse bergen muss, macht die Sache nicht besser. Und wir frieren. Elf Schleusen bei Regen und Wind sind kein Spaß. Als wir endlich in Montbéliard ankommen, sehen wir gerade noch genug, um das Boot festzumachen. Von diesem Tag gibt es kein einziges Foto!

28.10. Mömpelgard

Man sehe es mir nach, dass ich diese Stadt nur noch bei ihrem alten Namen nennen, Mömpelgard. Das hat nichts mit Geschichtsrevisionismus zu tun. Ich finde einfach, das klingt viel putziger als Montbéliard und passt auch besser.

Der Hafen ist ganz okay, und wir finden nach ein bisschen Rumprobieren auch eine funktionierende 16 A-Steckdose. In die Altstadt sind es von dort aus ungefähr zehn Minuten zu Fuß, ebenso zum Supermarkt. Direkt am Hafen liegt ein großer, moderner, aufwendig gestalteter und gut gepflegter Park, in dem Hunde zwar offiziell nicht so gern gesehen, um diese Jahreszeit aber definitiv geduldet sind. Wir müssen hier ein paar Tage bleiben, um das schlechte Wetter und den Feiertag (1. November, kein Schleusendienst) auszusitzen.

Nicht viel los im Hafen von Montbéliard
Hafen Montbéliard

Von Mömpelgard selbst bin ich ein bisschen enttäuscht. Das liegt aber an meinen falschen Erwartungen. Nachdem zwischen Mömpelgard und Sochaux das größte Peugeot-und Citroën-Werk liegt, hatte ich mir das alles ein bisschen weltläufiger vorgestellt. Tatsächlich ist es aber ein ziemliches Kaff – schwäbisch-bieder, aber ohne den entsprechenden Wohlstand, eher etwas heruntergekommen.

In Montbéliard ist bereits die Weihnachtsbeleuchtung aufgebaut
Montbéliard – die Weihnachtsbeleuchtung steht schon
Ein Teil der Bausubstanz von Montbéliard ist gut erhalten
Immerhin mögen sie es bunt hier
Typische Straßenansicht in Montbéliard
Altstadtgasse in Montbéliard

Es gibt eine schöne alte Bausubstanz aus den Tagen, als die Stadt noch zum Hause Württemberg gehörte, insbesondere natürlich das Schloss – jedenfalls von außen. Das naturkundliche und archäologische Museum im Schloss muss man nicht zwingend besuchen. Was uns dort allerdings gut gefallen hat, ist ein Bereich, in dem der Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen, alle zehn Jahre stattfindenden Inventur (und im Bedarfsfall Restaurierung) sämtlicher Exponate erklärt wird. Viel Zeit haben wir Kindsköpfe auch in einem Raum verbracht, in dem man auf Knopfdruck heimische Tierstimmen ertönen lassen kann.

Das Schloss in Montbeliard wurde vom Hause Württemberg erbaut
Château des Ducs de Wurtemberg aus dem 13. Jahrhundert
Heinrich Schickhardt hat einige Gebäude in Montbéliard entworfen, unter anderem den Temple Saint-Martin
Der Temple Saint-Martin von Heinrich Schickhardt
Interessantes Museum für regionale zeitgenössische Kunst: Le 19 CRAC

Wir fahren mit dem Bus die paar Kilometer nach Sochaux und besuchen dort das Peugeot-Museum. Auch das finde ich ein bisschen enttäuschend. Es gibt sehr viele und schöne Exponate, aber die Präsentation ist alles andere als zeitgemäß: schlecht beleuchtet, nicht gut gepflegt und nur mit ganz kurzen Erläuterungen versehen, die in erster Linie die Großartigkeit der Marke Peugeot hervorheben. Gezeigt werden im Prinzip nur die Karosserien, aber keinerlei Technik. Dazu gibt es natürlich alle anderen Produkte aus dem Hause Peugeot: außer den berühmten Kaffee- und Pfeffermühlen auch noch Waschmaschinen, Radios, Gewehre, Gartengeräte und was der Franzose halt noch so gebraucht hat im Zeitenlauf.

Alter Peugeot Torpedo
Modell Torpedo
Alter Peugeot im Peugeot-Museum
Mein präferiertes Modell
Kaffeemühlen von Peugeot mit dem renommierten Peugeot-Mahlwerk
Die berühmten Kaffeemühlen
Peugeot hat früher auch Waschmaschinen hergestellt, zu sehen im Peugeot-Museum in Sochaux
Luxus-Waschmaschine

Sochaux ist übrigens ein richtig desolates Kaff.

In Sochaux stehen sehr viele Geschäfte leer
Richtig trist: Sochaux

Tipps:

Sakura Sushi, 37 Rue Georges Clemenceau, Montbéliard, Tel. 03 81 98 68 68. Neben soliden Sushi auch gute Gyoza und Spießchen.

Chez Witt, 2 Rue de Belfort, Montbéliard, Tel. 03 81 98 69 45. Ausgezeichnete Thai-Küche, auf Wunsch sogar richtig scharf!

Im einzelnen:

Besançon nach Baume-les-Dames: 36,5 km – 10 Schleusen – 7 Stunden

Baume-les-Dames nach Isle-sur-le-Doubs: 31,5 km – 14 Schleusen – 6,45 Stunden

Isle-sur-le-Doubs nach Montbéliard: 23,5 km – 11 Schleusen – 2 Hebebrücken – 6 Stunden

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4 Comments

  1. Renate Renate

    Interessante Berichte!
    Kleine Korrektur beim holländischen Lieblingssatz:
    HET REGENT VANDAAG!
    Het regent niet meer bij ons…..
    Weiterhin gute Fahrt en welkom in Nederland!
    Groetjes
    Renate

    • Barbara Barbara

      Ups, das stimmt natürlich! Wird gleich korrigiert, danke für den Hinweis! 😀

  2. Schorsch Schorsch

    Mit dem Finger über Google maps schien mir die Strecke weniger anstrengend. Wie man sich täuschen kann.

    LG Schorsch

    • Barbara Barbara

      Geht uns regelmäßig so… 😉

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