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Schaf und Esel in Dorsten und Wesel

Von Rees nach Dorsten auf dem Rhein und dem Wesel-Datteln-Kanal – 50 km – 8,25 h – 2 Schleusen

04. Juni 2019: Rees nach Wesel – 21 km – 3,75 Stunden

Am Dienstagmorgen verlassen wir den Yachthafen des WSV Xanten. Das Tagesziel heißt Wesel nahe der Abzweigung des Wesel-Datteln-Kanals, oder WDK, wie die alten Binnenschiffer hier zu sagen pflegen. Die Strömung auf dem Rhein wird trotz normalen Pegels nicht schwächer. Wir kommen phasenweise nur noch mit 5 km/h voran, das heißt etwa 7 km/h Gegenströmung. Zum Glück müssen wir heute nur 21 Kilometer leisten. Das ist machbar. Auf dem Rhein sind wieder respekteinflößende Pötte unterwegs.

Ein großer Tanker aus der SOMTRANS Flotte hat uns eben überholt
Die SOMTRANS-Tanker begegnen einem ständig und überall auf Rhein und Kanal
Das Containerschiff TEMPTATION setzt hinter uns zum Überholen an
Die TEMPTATION ist uns auf den Fersen
Es kommt uns ein leeres Containerschiff, die TRIPOLI, entgegen
Beindruckendes Containerschiff, auch leer: Die TRIPOLI

In einem Altarm des Rheins vor Wesel befinden sich mehrere Yachthäfen. Wir entscheiden uns gleich für den ersten, die RTG Wesel, weil der Gästesteg so einfach anzufahren ist und niemand dort liegt. Das Prozedere ist anonym. Wir nehmen einen Umschlag mit Formular aus dem Briefkasten 1, füllen das Formular mit unseren Daten aus und legen den Umschlag samt Geld (17 Euro) in den Briefkasten 2 am Eingang des Yachthafens. Dann wandern noch ein paar Münzen in die Stromsäule, und wir sind versorgt.

Mehrere Yachtclubs haben Stege in diesem Hafen in Wesel. Die RTG Wesel ist gleich der erste
Gästesteg RTG Wesel

Nach der Ankunft schwinge ich mich erstmal aufs Rad und drehe eine Sightseeing-Runde um den nahegelegenen Auesee, dann am Rheinufer entlang und durch die Innenstadt von Wesel. Nach 90 Minuten und 16 Kilometern habe ich gefühlt alles gesehen, was vordergründig interessant scheint inklusive mehrerer Schafherden, Willibrordi Dom und Penny Markt.

In der Nähe unserer Hafens WTG Wesel grast eine riesige Schafherde auf der Wiese
Schafherde bei Wesel

Im Dom hängt ein Kupferstich von Hermannus Hammelmann mit Luftansicht der prachtvollen mittelalterlichen Stadt Wesel aus dem Jahr 1588, damals noch Wesalia. Die lateinische Bildunterschrift besagt: „Wesel, im Herzogtum Cleve, eine Stadt berühmt durch ihre Reichtümer, ihren Rang, ihre Gebäude und ihren Handel, den sie per Schiff auf dem Rheinstrom betreibt.“ Was von der seinerzeitigen Pracht nach dem zweiten Weltkrieg übrig geblieben ist, ist zum Heulen.

In der Stadt stehen überall große bunte Eselsfiguren rum. Ich halte eine Dame auf, die gerade aus der Stadtverwaltung kommt, und frage nach deren Bewandtnis. „Das kommt von diesem Spruch ‚Bürgermeister von Wesel‘, und da hat man sich überlegt, den Esel zum Wappentier zu machen“, wird mir mitgeteilt. Hä? Was sie meinte – ich habe es dann nachgelesen -, ist der Echospruch: „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“, auf den das Echo universal zuverlässig mit „Esel“ antwortet. Aber Wappentier ist der Esel nun gewiss nicht.

Nach der Radtour geh ich noch mit Lisbeth raus. Wir finden einen schönen Urwald auf dem Weg zum Angelplatz des lokalen Fischereivereins.

Bulldogge Lisbeth gefällt es gut in dem urwaldähnlichen Waldstück am Auesee
Lisbeth im Urwald

Nachts kommt Gewitterstimmung auf. Wir haben Glück. Eine Gewitterwalze von Köln bis an die Nordseeküste lässt über Wesel eine Lücke. Der Wind kommt trotzdem. Die am Ufer stehenden alten Pappeln biegen sich und produzieren mit ihrem Laubwerk eine bedrohliche Geräuschkulisse. 25 Grad und Sturm, dazu Blitze in der Ferne und Dortmunder Union Bier. Es ist toll, und auf dem Boot ist alles so unmittelbar.

Obwohl die Pappeln auf dem Damm zum Rhein in der Nacht während des Sturm so bedrohlich gerauscht haben, sehen sie am nächsten Morgen völlig frisch und unversehrt aus
Pappeln am nächsten Morgen – sie stehen noch

05. Juni 2019: Wesel nach Dorsten – 29km – 4,5 Stunden

Die historische Eisenbahnbrücke bei Wesel wurde leider im Zweiten Weltkrieg zerstört
Historische Eisenbahnbrücke Wesel bei Rheinkilometer 815

Am nächsten Morgen biegen wir nach den letzten 2 Kilometern Rhein in den Wesel-Datteln-Kanal ein. An der ersten Schleuse (Friedrichsfeld) warten wir gleich mal eine geschlagene Stunde, bis sich der Schleusenwärter überlegt, uns nun doch alleine hochzuschleusen, weil kein anderes Boot kommt.

Wir biegen links vom Rhein ab in den Wesel-Datteln-Kanal mit seiner breiten Einfahrt
Einfahrt in den Wesel-Datteln-Kanal

In der Schleuse werden wir dann beinahe noch von einem dicken Stahlseil zerteilt. Der Hub in der Schleuse Friedrichsfeld beträgt über 7 Meter. Bei der Einfahrt bemerken wir das schwere Stahlseil, welches hoch über unseren Köpfen hängt nicht. Wir legen ganz hinten an, wie vom Schleusenwärter angewiesen. Erst als der Schleusenwärter aus seinem Türmchen pfeift und uns empfiehlt, doch noch ein wenig nach vorne zu fahren, bemerken wir die Gefahr. Nachdem das Schiff bereits etwa 4 Meter angehoben wurde, ist das Seil kurz davor, sich zwischen Steuerstand und Badeplattform auf unser Boot zu legen. Barbara reagiert aber noch rechtzeitig.

Am Ende der Schleuse Friedrichsfeld spannt sich ein schweres Stahlseil über das Schleusenbecken, das zu Tal fahrende Schiffe davon abhalten soll, das Schleusentor zu rammen
Das Stahlseil in der Schleuse Friedrichsfeld soll zu Tal fahrende Schiffe zurückhalten

Der Kanal Richtung Dorsten ist gesäumt von Campingplätzen mit Dauercampern und Lauben-Siedlungen. Die schlagartige Zunahme übergroßer deutscher Flaggen neben wahlweise BVB und Schalke Bannern an hohen Masten wirkt etwas ungewohnt.

Ganz ruhig und leer und grün liegt der Wesel-Datteln-Kanal vor uns
Ganz alleine auf dem Wesel-Datteln-Kanal
Auf dem Wesel-Datteln-Kanal kommt uns ein schwer beladener Schrotttransporter entgegen, die Rübezahl mit dem pink gestrichenen Bug
Die Rübezahl transportiert eine große Ladung Metallschrott
Thomas findet diese Parkbank in Dorsten, die völlig überwuchert ist
Da ist doch was im Busch! Parkbank in Dorsten

Die kleine Hanse Marina Dorsten ist leider bis zum Anschlag voll, als wir um die Kurve kommen. Wir machen an der langen hohen Spundwand vor den Dorstener Mercaden, einem großen hässlichen Einkaufszentrum, fest. Dieser Parkplatz ist offensichtlich für große Schiffe gedacht. Die Poller zum Festmachen liegen etwa 40 Meter, für uns also zu weit auseinander. Unser heutiger Stegnachbar wird dann auch über 86 Meter lang und 1.746 Tonnen schwer sein. Wir improvisieren mit einer Straßenlaterne und einer am Ufer befestigten Notleiter. Hier gibt es leider mangels „Stromschlüssel“ für die Stromsäulen, welcher an der letzten Schleuse hätte erbeten werden müssen, für uns keinen Landstrom.

Am Abend legt neben uns die ULEKRITE aus Groningen an, um dort zu übernachten. Der Sonnenuntergang spiegelt sich in dem völlig stillen Kanal
Unser Nachbar für die Nacht: die ULEKRITE aus Groningen
Das Einkaufszentrum Mercaden Dorsten sieht von der Rückseite so aus, als wären große Fenster zugemauert worden - Fenstersimse sind nämlich vorhanden
Das Einkaufszentrum Mercaden Dorsten – wurden die Fenster zugemauert?
Die AWOL krallt sich an Laterne und Badeleiter – unser Liegeplatz in Dorsten

Unsere Bedenken hinsichtlich des Wellenschlags der vorbeifahrenden Boote am Kanalufer verflüchtigen sich, als uns ein monströses Tankschiff, die Schloss Gripsholm, ohne jede Welle passiert. Das würden wir mit der AWOL nicht so elegant hinkriegen.

Ganz ruhig und langsam fährt der Tanker Schloss Gripsholm in Dorsten an uns vorbei, sodass keine Welle entsteht
Schloss Gripsholm macht keine Welle

Von unserem Liegeplatz sind es nur ein paar Schritte zum Kaufland an der Hochstaden Brücke. Dort gibt es Krustenbrot und Obazdn. Was dies für uns bedeutet, ist jemandem, der nicht eben ein halbes Jahr in den Niederlanden verbracht hat, schwer zu vermitteln. Während des Sonnenuntergangs an Deck mit Bier und Wein freuen wir uns anhaltend über die Aussprache des Wortes „Obazda“, wie wir sie seit Öffnung der bayerischen Grenzen gen Norden schon oft von Nicht-Bayern gehört haben: „Einen Obazda, bitte!“ – Betonung auf der zweiten Silbe. Das Niveau sinkt.

In der Dorstener Zeitung lese ich, die schmuddelige Hochstaden Brücke, der Schandfleck des Landkreises, soll mit einem Aufwand von EUR 400.000 verschönert werden. Dieses Mahnmal der Architektur wird aber leider auch durch Putzen nicht schöner.

Vor den Mercaden in Dorsten führt die Hochstaden Brücke über den Kanal. Sie ist ziemlich häßlich
Hochstaden Brücke an den Mercaden

Aus dem dichten Gebüsch neben unserem Boot kommen anhaltend Klingeltöne. Ich denke zunächst an ein Mobiltelefon. Ich male mir gleich schrecklichste Szenarien aus. Vielleicht steckt es noch in der dazugehörigen Hosentasche. Wahrscheinlich aber ist es ein Wecker, den jemand ins Gebüsch geschmissen hat. Ähnlich wie ich im Zorn gelegentlich einen piepsenden Kohlenmonoxid-Melder ins Hafenbecken pfeffere, war hier wohl jemand nicht gewillt aufzustehen. Wir können es nicht nachprüfen. Das Gebüsch ist zu dornig und dicht.

Was uns gut gefallen hat, war die ehemalige Zeche Fürst Leopold im Stadtteil Hervest, etwas nördlich, samt der dazugehörigen Zechensiedlung. Die Zeche heißt so, weil der Inhaber der Standesherr Leopold zu Salm-Salm war. Ein Förderturm sowie eine Maschinenhalle mitsamt historischer Dampffördermaschine sind heute noch zu besichtigen. Außerdem ist hier das sogenannte CreativQuartier von Dorsten untergebracht. In erster Linie handelt es sich hierbei um Gaststätten und Kneipen. Kreatives Trinken quasi.

Zeche Leopold in Dorsten: Maschinenhalle von außen
Maschinenhalle von aussen
In der ehemaligen Lohnhalle der Zeche Leopold in Dorsten haben sich Architekten, Künstler, Webdesigner und ein Lokal eingemietet
Ehemalige Lohnhalle mit dem üblichen Mietermix aus Architekten, Künstlern und Webdesigner
In der Mitte der Zechensiedlung Zeche Leopold in Dorsten befindet sich ein weitläufiger Brunnenplatz, auf dem sich Einheimisch etreffen
Brunnenplatz in der Zechensiedlung mit Einheimischen
In der Zechensiedlung der Zeche Leopold in Dorsten befindet sich auch der Glückauf-Grill
Der Glückauf-Grill, Hotspot in der Zechensiedlung!

TIPP:

Auch wenn man in Dorsten nicht übernachten möchte, lohnt es sich, an der Hochstaden Brücke quasi direkt vor dem Kaufland in den Mercaden zur Proviantaufstockung anzulegen – bequemeren Zugang zu einem gut sortierten Supermarkt hat man sicherlich weit und breit nicht!

Published inDeutschlandRouten

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