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Ritt auf der Flutwelle: Den Rhein abwärts von Breisach nach Rotterdam (2)

Teil 2: Von Gernsheim bis Düsseldorf (281 km, 17,75 h)

9. Dezember 2018: Von Gernsheim nach St. Goar (95 km, 6,5 h)

Am nächsten Tag dann die tolle Stadtansicht von Mainz – Wiesbaden direkt gegenüber ist vergleichsweise unauffällig. Danach geht es los mit den ganzen Bilderbuchörtchen: Eltville, Rüdesheim etc., vor denen die Flusskreuzfahrtschiffe zweireihig parken. 

Mainz sieht vom Wasser her sehr schön aus mit seinen vielen Türmen
Mainz
Gegenüber von Mainz zweigt der Rhein-Main-Donau-Kanal vom Rhein ab
Hier biegt man Richtung Donau ab
Hier ziehen sich die Weinberge den Hang hinauf. Assmannshausen gehört zu den bekannten Weinorten am Rhein.
Weinort Assmannshausen
Bei diesem Wetter sehen wir viele Regenbögen - hier über der Kirche von Lorchhausen
Regenbogen über Lorchhausen

Ausgerechnet im Geisenheimer Grund zieht eine von den vorhergesagten Sturmfronten durch. An dieser Stelle bildet der Rhein ein breites Becken in Ost-West-Ausrichtung, und bei dem starken Wind aus westlicher Richtung bauen sich Wellen bis zu einem Meter Höhe auf. Wir klatschen in die Wasserberge, dass es eine wahre Freude ist. Gut, dass wir unser Hab und Gut unter Deck immer akribisch festzurren, wenn wir große Flüsse befahren – eigentlich wegen des durch die Berufsschifffahrt produzierten Schwells. Am Ende des Tages werden wir feststellen, dass es uns eine schwere Fußmatte aus Gummi seitlich von Bord gespült hat!

Bei Bingen beginnt die berüchtigte Bergstrecke mit dem Bingener Loch. Dahinter geht es in steilen Kurven bei starkem Gefälle hinunter zur Loreley. Wahrscheinlich hatte ich die Erinnerungen an unsere erste Fahrt auf der Strecke vor zwei Jahren verdrängt, denn ich finde es überraschend anspruchsvoll. Es ist auch superviel Verkehr hier, und man kommt kaum hinterher mit den ganzen Fahrwasserseitenwechseln. Dazu noch Schauerwetter, das die Sicht erschwert – keine gute Voraussetzungen, das UNESCO Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“ entspannt zu genießen…

Ausgerechnet in der schmalsten Kurve unserer Rheinstrecke überhaupt kommt uns der breiteste Kübel entgegen, den wir bisher jemals getroffen haben – ein Viererpack. Das sind vier voll beladene Containerkähne im Schub-/Koppelverband, die auf eine Gesamtbreite von etwas über 21 Metern und eine Gesamtlänge von 183 Metern kommen. Wenigstens ist das Wasser an der Stelle so tief, dass wir, wenn wir untergehen, nicht einmal die Schifffahrt behindern. Tröstlich!

Wenn dieser vollbeladene Container-Schubverband noch breiter wäre, würde er hier nicht mehr um die Kurve kommen
Dieser Koloss kommt gerade so um die Kurve

Als wir kurz vor unserem Hafen in St. Goar unter der Loreley vorbeifahren, sind wir beide nervlich etwas angegriffen – der Gatte stimmt nicht einmal mehr sein munteres Liedchen an, das sonst immer bei dem Stichwort „Loreley“ Tourette-artig aus ihm herausbricht: Loreley Ley Ley, Schiffe ziehn an dir vorbei… (ja, Dschinghis Khan, nicht Heinrich Heine!).

Die Fun Boat Marina in St. Goar ist ein recht netter Hafen, auch wenn das Wasser um diese Jahreszeit abgestellt ist. Im Ort selbst sind im Winter die Bürgersteige hochgeklappt, aber man kann erahnen, was für eine fiese Art von Kuckucksuhr-Tourismus hier im Sommer herrscht. Und offensichtlich hat man es inzwischen aufgegeben, die Flutschäden an den historischen Gebäuden zu beseitigen, es wirkt alles etwas marode.

In den Läden werden super hässliche Andenken für überwiegend amerikanische Touristen verkauft, zum Beispiel Pseudo-Dirndl für Kinder
Ein hübsches Jodeling Costume als Mitbringsel für die Enkel in Alabama?
Über dem Sportboothafen thront die Burg Rheinfels, die nachts sehr schön beleuchtet ist
Die Marina liegt direkt unter der Burg Rheinfels

10. Dezember 2018: Von St. Goar nach Oberwinter (82 km, 5 h)

Die Bergstrecke endet relativ bald hinter St. Goar, und die Fahrt wird entspannter. Die Wasserstände sind inzwischen deutlich höher als bei unserer letzten Rhein-Fahrt, nämlich sogar über normal. In einige der Häfen, in denen wir dieser Tage angelegt haben, hätten wir auf unserem letzten Rhein-Törn vor zwei Jahren gar nicht einfahren können mit unserem Tiefgang, und auch dieses Jahr hätte der Wasserstand ohne unsere pannenbedingte Verzögerung nicht gereicht. Jetzt aber gibt es Wasser dicke, und entsprechend ist unsere Reisegeschwindigkeit gut, selten unter 17 km/h. 

Boppard liegt malerisch am Ufer des Rheins
Boppard
Schloss Stolzenfels

Wir passieren Koblenz und dann Neuwied, an das wir nicht so gute Erinnerungen haben. Vor zwei Jahren hingen wir hier für ganze drei Tage unter der Autobahnbrücke fest, weil der Frischwasserfilter für die Motorkühlung nicht dicht zu kriegen war. Mit unserem heutigen Erfahrungsstand würde uns so eine banale Panne wohl keine halbe Stunde kosten – hoffe ich.

Das Deutsche Eck mit der imposanten Reiterstatue in Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet
Deutsches Eck in Koblenz mit der Moselmündung

Oberwinter hat einen recht komfortablen, aber eigentlich geschlossenen Yachthafen. Auf telefonische Anfrage dürfen wir trotzdem für eine Nacht dort liegen, sogar kostenlos, aber natürlich ohne sanitäre Anlagen. Der Ort überrascht mit knuffigen Fachwerkhäusern.

Der Yachthafen Oberwinter ist völlig verlassen um diese Jahreszeit, liegt aber eigentlich recht schön
Yachthafen Oberwinter
Der Ortskern von Oberwinter besteht fast vollständig aus hübschen kleinen Fachwerkhäusern, die einen sehr gepflegten Eindruck machen
Hübsche Fachwerkhäuser in Oberwinter

11. Dezember 2018: Von Oberwinter nach Düsseldorf (104 km, 6,25 h)

Das scheint jetzt der Scheitel der Flutwelle zu sein. Entsprechend viel Treibgut schwimmt auf dem Fluss. Es sind noch nicht die großen Baumstämme wie bei Hochwasser, aber doch schon ganz schöne Brocken, die man nicht überfahren möchte. Aufgrund der unerwartet guten Reisegeschwindigkeit haben wir schon zweimal Thomas‘ ausgeklügelte Planung über den Haufen geworfen, die jeweiligen Tagesabschnitte deutlich verlängert und so schon einen ganzen Reisetag eingespart.

Die Fähren bei Königswinter sind mit Sternen weihnachtlich geschmückt
Die Fähre Königswinter ist im Weihnachtsmodus

Der Verkehr nimmt ständig zu. Logisch, hier ist jetzt auch richtig viel Industrie entlang des Rheins. Ich wünschte nur, die Berufsschiffe könnten sich auf eine Fahrwasserseite einigen – es kommen uns teilweise vier Kübel nebeneinander entgegen.

Von uns aus gesehen auf der rechten Seite ziehen sich die Anlagen von Bayer Leverkusen über Kilometer hin
Bayer Leverkusen
Linkerhand befindet sich der große Chempark Dormagen mit einem weiteren Bayer-Werk
Chempark Dormagen
Puh, ganz schön was los hier!

Als wir durch Köln durchqueren, freue ich mich mal wieder sehr über die spannende Stadtsilhouette vom Rhein aus. Ebenfalls spektakulär ist die Einfahrt nach Düsseldorf. Wir legen in der Marina im Medienhafen an, die, abgesehen von dem superpatzigen Hafenmeister, richtig toll ist. Naja, und abgesehen von den Betonstegen, die bei den Temperaturen morgens spiegelglatt gefroren sind. Gestreut wird nur bis zu den Dauerliegern. Gastlieger müssen auf allen Vieren kriechen oder warten, bis die Sonne über die hohe Quaimauer kommt.

Köln
Durch die durchziehenden Regenschauer entstehen immer wieder dramatische, düstere Stimmungen
Das Schauerwetter zaubert tolle Stimmungen
Die Bauten von Gehry verleihen dem Medienhafen ein ungewöhnliches Gesicht
Marina Düsseldorf im Medienhafen

Wir machen einen Pausentag und bekommen Besuch. Thomas’ Schwester, die seit ein paar Wochen in Ratingen wohnt, kommt mit ihrer griechischen Familie vorbei. Ebenfalls aus Ratingen besucht uns Céline, bei der der Wurfbruder unseres verstorbenen Crew Mitglieds López lebt. Wir würden auch gerne länger als zwei Tage bleiben, aber wir müssen spätestens am 21. Dezember in Rotterdam sein, und uns läuft die Zeit weg. Um diese Jahreszeit müssen wir immer damit rechnen, dass uns das Wetter zu unfreiwilligen Pausen zwingt, also müssen wir ein paar Tage als Puffer einkalkulieren.

Wenn ich abends aus meinem Fenster in der Heckkabine schaue, habe ich einen tollen Blick über den Medienhafen mit seiner modernen Architektur
Blick aus meinem Kabinenfenster
Die Sonne geht hinter den spannenden Gehry-Bauten auf während unserer Morgengassirunde
Schöne Morgenstimmung bei der ersten Gassirunde

Hier geht’s weiter mit dem dritten und letzten Teil der Fahrt.

Published inRouten

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