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Ritt auf der Flutwelle: Den Rhein abwärts von Breisach nach Rotterdam (1)

Teil 1: Von Breisach bis Gernsheim (236 km, 18,75 h, 6 Schleusen)

6. Dezember 2019: Von Breisach nach Kehl (68 km, 7 h, 4 Schleusen)

Als der Apotheker am Mittwochabend nach drei Wochen Stillstand das wieder halbwegs funktionierende Boot verlässt, sind wir hochmotiviert. Wir planen, am nächsten Morgen um halb acht aufzubrechen, weil ein anstrengender Fahrtag bevorsteht. Wir müssen das 68 km entfernte Kehl erreichen, denn vorher können wir mit unserer Länge und unserem Gewicht (also Länge und Gewicht des Boots!) nirgends anlegen. Dazwischen sind aber auch noch vier Großschifffahrtsschleusen, und das kann erfahrungsgemäß dauern. Ob wir das vor Anbruch der Dunkelheit, also in acht Stunden, schaffen? Das könnte arg knapp werden, und wir sind ziemlich nervös, denn nicht einmal an den Schleusen kann man übernachten.

Noch bevor es richtig hell ist, legen wir in Breisach ab
Aufbruch aus Breisach im Morgengrauen

Am Donnerstag ist es um halb acht noch zappenduster, aber eine Viertelstunde später dämmert es, und wir legen ab. Der Abstand von Schleuse zu Schleuse beträgt relativ regelmäßig zwischen 14 und 17 km. Vor der ersten Schleuse müssen wir nicht allzu lang warten, bis das erste Berufsschiff hinter uns auftaucht, und wir dürfen mit diesem in die Kammer einfahren.

Als wir festgemacht haben und ich in den Leerlauf schalte, fühlt sich das irgendwie komisch an, unrund. Ich schicke meinen ersten Offizier in den Maschinenraum, und er kommt mit schlechten Neuigkeiten wieder hoch. Am frisch reparierten Backbordmotor ist eine der Druckleitungen zwischen Einspritzpumpe und Düsen undicht, es spritzt Diesel in den Motorraum. Da der erste Offizier während der Schleusung als Matrose benötigt wird, kann er das Problem erst angehen, nachdem wir aus der Kammer wieder ausgefahren sind und den Schleusenbereich verlassen haben.

Ich stelle den Backbordmotor ab, wie gehabt, und lasse das Schiff den Rhein runtertreiben, während der Bordingenieur mit einem 17er-Schlüssel an der Mutter rumfriemelt. Es ist ausgerechnet die hinterste Schraube, an die man eigentlich nicht rankommt, ohne die vorderen Leitungen zu lösen. Da er so nicht genug Druck ausüben kann, hilft er (Sensibelchen bitte weghören!) mit einem Hammer nach, und siehe da, als ich den Motor wieder anlasse, ist die Leitung dicht.

Die hinterste der sechs Dieselleitungen ist nach der Reparatur undicht
Natürlich ist es die hinterste Leitung, die undicht ist!

Das Frachtschiff ist uns inzwischen natürlich enteilt, was insofern doof ist, als dass ziemlich wenig Frachtverkehr herrscht und wir wahrscheinlich lange auf das nächste Schiff warten müssen. Wenigstens ist die Strömung und damit unsere Reisegeschwindigkeit ganz gut – wir erreichen bei 1800 Umdrehungen bis zu 15 km/h.

Als wir in Sichtweite der nächsten Schleuse sind, erhalten wir zu unserer großen Überraschung per Funk die Aufforderung, Vollgas zu geben – der Schleusenwärter lässt tatsächlich das Frachtschiff auf uns warten, obwohl wir noch über zwei Kilometer weg sind. Das ist doch mal nett, und wir beeilen uns, so gut wir können.

In der Schleuse mit zwei großen Berufsschiffen
In der Schleuse mit der Readiness und der Ostia
Mit den großen Schiffen haben wir gerade noch so Platz in der Schleuse - direkt hinter uns ist das Schleusentor
Viel Platz ist nicht mehr hinter uns

Hinter der Schleuse bleiben wir der Readiness nun auf den Fersen, damit wir keine weitere Verzögerung verursachen. In der nächsten Schleuse liegt schon ein weiteres großes Schiff, das wiederum auf die Readiness und uns wartet – es wird langsam kuschlig in der Schleusenkammer. Da entgegen unseren Befürchtungen bislang die Stehzeiten vor den Schleusen wegfallen, liegen wir super in der Zeit. Bis zu unserer letzten Schleuse des Tages fahren wir dann zu dritt in Kolonne, und auf diese Art und Weise treffen wir schon um halb drei im Yachthafen Kehl ein.

Am Telefon hat man uns bestätigt, dass 15 m Bootslänge gar kein Problem sind, aber als wir vor der Steganlage dümpeln, fragen wir uns schon, wo wir da festmachen sollen. Die Finger sind mal wieder zu kurz für uns. Wir müssen so weit in die Box hineinfahren, dass unser Bug fast vollständig über den Steg steht, sonst kommen wir nicht mit den Hunden vom Boot. Leider handelt es sich um eine sehr puristische Steganlage – Stahlrahmen ohne Rammschutz und nur mit Gitterblechen als Auflagen. Das ist weder für Boote noch für Hunde schön.

Der Yachthafen Kehl ist alles andere als schön!
Die AWOL im Yachthafen Kehl

Anmelden kann man sich im Hafenrestaurant. Der Liegeplatz kostet stattliche 30 Euro pro Nacht inklusive Strom. Leider kann uns vom Restaurantpersonal, das im Nikolaus-Stress ist, niemand sagen, wie wir den Strom zum Laufen bringen, und wir müssen uns erstmal durch den halben Yachtclub-Vorstand telefonieren. Und schön ist auch anders. Also wirklich ganz anders.

7. Dezember 2018: Von Kehl nach Karlsruhe Maxau (68 km, 7 h, 2 Schleusen)

Am Freitag haben wir ebenfalls 80 km, aber nur noch zwei Schleusen vor uns. In der ersten Schleuse dürfen wir sogar ganz alleine nach unten fahren.  Schwieriger wird es bei der zweiten Schleuse. Wir hoffen, dass man das Frachtschiff, das im Abstand von circa zwei Kilometern vor uns herfährt, auf uns warten lässt. Leider antwortet die Schleuse nicht auf unsere Funksprüche auf Kanal 18. Als wir auf die Schleuse zufahren, sehen wir das Schiff in der riesigen Kammer stehen. Da haben wir locker noch Platz, aber als wir mit Vollgas darauf zuhalten, geht das Signal auf Rot. Es fallen uns allerlei Schimpfnamen für den Schleusenwärter ein, aber es hilft nichts, wir müssen umdrehen, denn dümpeln können wir bei dem inzwischen stark aufgefrischten Wind nicht.

Während wir langsam gegen die Strömung von der Schleuse wegfahren, sehen wir in einiger Entfernung ein weiteres Frachtschiff auf uns zukommen. Wir lassen es herankommen, wenden dann und setzen uns dahinter. Und tatsächlich bleibt das Signal grün, nachdem das Schiff in die Kammer eingefahren ist, und wir legen dahinter an. Oben hängt der Schleusenwärter aus seinem Fenster. Ob er unseren Funkspruch nicht gehört hat, will der Gatte wissen. Wir wüssten wohl nicht, dass seit zwei Jahren der Funkkanal auf die 24 geändert sei, meint der Schleusenheinz freundlich. Oh!

Im Dezember will es gar nicht richtig hell werden. Wir stehen mit zwei großen Frachtschiffen in der Schleuse Iffezheim.
Schleuse Iffezheim – die letzte Schleuse auf dem Rhein!

Hinter der Schleuse Iffezheim, übrigens unsere letzte Schleuse vor Rotterdam, geht eine lustige Schnellfahrstrecke los. Der Rhein fließt relativ gerade dahin, und weil das Wasseramt das so langweilig fand, haben sie einen hübschen Slalom auf der Strecke gesteckt. Das Wasser wird außerdem durch Buhnenfelder beschleunigt, die abwechselnd am rechten und am linken Ufer in den Fluss ragen. Zusätzlich gibt es die Regelung, dass Frachtschiffe jeweils die Außenkurve nehmen, was heißt, dass sie ungefähr alle 1000 m die Fahrrinnenseite wechseln. Der Verkehr ist inzwischen ziemlich dicht, und wir brettern mit 18 bis 20 km/h zwischen den entgegenkommenden Lastkähnen den Fluss runter. Yeeha!

Probleme mit dem Pegel gibt es aufgrund der Regenfälle nicht mehr. Oberhalb der Schleusen war er ohnehin über normal, aber auch unterhalb steigen die Pegel laufend.

Der Hafen Karlsruhe Maxau ist dann eigentlich recht angenehm, wenn auch nicht wirklich malerisch. Der freundliche Hafenmeister wohnt ebenfalls auf seinem Boot und weiß allerlei Interessantes von seiner Fahrt die Donau abwärts zu berichten. Die Sanitäranlagen sind sauber und komfortabel, bloß leider mit diesem unsäglichen Münzeinwurf für die Duschen ausgestattet, der immer dann eine neue 50 Cent-Münze fordert, wenn man die Haarspülung schon fast, aber eben auch nur fast raus hat.

Auch der Yachthafen Karlsruhe Maxau ist nicht besonders schön. Auf der einen Seite des Beckens liegen Industrieanlagen, auf der anderen Seite die Autobahn.
Im Hafen Karlsruhe Maxau

8. Dezember 2018: Von Karlsruhe Maxau nach Gernsheim (69 km, 5,75 h, 2 Schleusen)

Die Slalomstrecke geht am nächsten Tag noch bis Mannheim weiter, danach wird es ereignislos. Die Städte Ludwigshafen und Worms bieten spannende Stadtansichten. Ansonsten habe ich viel Zeit zu sinnieren, warum jemand sein Arbeitsboot BILGENEN TÖLER taufen würde und wie man „Ö“ im Funkalphabet sagt. Ein paar Kilometer später überkommt mich die Erkenntnis, dass der Name gar kein Freizeichen enthält, aber vielleicht wenigstens einen Bindestrich vertragen könnte: BILGEN-ENTÖLER.

Zwischen zwei massiven Betonbrücken kann man bei Worms einen wunderschönen alten Turm sehen
Unerwarteter Ausblick zwischen zwei Betonbrücken bei Worms
Bei Worms steht eine alte Fabrikanlage am Rhein, die an ein klassisches Grandhotel erinnert
Spannende Industrieanlagen bei Worms

Wir passieren in Speyer den ehemaligen Heimathafen der AWOL (damals noch Riesling), aus dem wir fast auf den Tag genau vor zwei Jahren in unser neues Leben aufgebrochen sind. Es macht uns ein bisschen sentimental, und wir kommen ins Schwärmen, was wir seither für spannende Sachen erlebt haben.

Hier war unser Boot lange Jahre zu Hause: Hinter der Landzunge liegt die Einfahrt zum Yachthafen Speyer
Einfahrt in den Yachthafen Speyer, hinten die Türme des Speyerer Doms
Jetzt wird es richtig industriell, hier eine große Fabrik bei Rheinau
Bei Rheinau

Unser nächster Hafen, Gernsheim Becken I, ist total verlassen um diese Jahreszeit. Pragmatischerweise hat man uns einen Schlüssel für die Steganlage und eine Quittung für die Liegeplatzgebühr hinterlegt, und wir hinterlassen Schlüssel und den entsprechenden Betrag vor der Abfahrt an der gleichen Stelle. Leider besteht der lange, steile Steiger aus einem scharfkantigen Gitterrost, so dass wir die 25-kg-Bulldoggen hoch- und runtertragen müssen. Sanitäranlagen sind keine vorhanden. Nachts fällt dann noch der Strom aus.

Auch der Hafen Gernsheim Becken I liegt direkt an den Industrieanlagen
Die AWOL im Hafen Gernsheim Becken I

Hier geht’s weiter zu Teil 2: Von Gernsheim nach Düsseldorf

Published inRouten

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