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Mulhouse nach Breisach – was für ein Tag!

14.11.2018 – 59 km – 5 Schleusen – 1 (Mini-)Tunnel – 8,45 Stunden

Wir vergewissern uns nochmal, aber es stimmt – heute ist NICHT Freitag der Dreizehnte. Es ist gar nicht Freitag, sondern Mittwoch, und der 13. war gestern. Gefühlt ist es aber Freitag der Dreizehnte, an dem wir bei Vollmond unter einer Leiter durchgefahren sind, während ein Rudel schwarzer Katzen von links vor uns durch den Kanal gekrault ist. Nicht, dass wir abergläubisch wären…

Als wir morgens in Mülhausen ablegen, scheint noch alles in Ordnung. Direkt hinter der Stadt dann wird aus dem vermeintlichen Hochnebel ein satter Flussnebel. Ist nicht so schlimm, denken wir, der Kanal ist ja superschmal, und wir sind völlig allein unterwegs. Bis wir zum Rhein kommen, wird sich die im Wetterbericht vorhergesagte Sonne schon durchsetzen.

Sobald wir aus der Mülhausener Innestadt raus sind, wird der Nebel dichter
An der Stadtgrenze von Mulhouse beginnt der Nebel

Hinter dem Frachthafen Ile Napoléon machen wir kurz fest und stellen Mast und Persenning wieder auf. Ab hier ist für große Schiffe ausgebaut, und die Brücken sind kein Problem mehr. Das ist schon mal eine Verbesserung der Situation, und wir können auch die auf dem Mast angebrachten Geräte wie Autopilot, Windmesser und Radar wieder nutzen. Theoretisch jedenfalls…

Während der Fahrt wird es im Schiff ziemlich kühl, deswegen suchen die Hunde Körperkontakt untereinander
Die Hunde rücken zusammen während der Fahrt – es ist kalt im Salon
Cooles altes Haus am Canal du Rhône au Rhin
Am Canal du Rhône au Rhin

An der Schleuse Niffer, der letzten Schleuse vor dem Rhein, werden wir über den Kanal zur kleineren der beiden Schleusenkammern dirigiert. An diesem Kanal liegt auch der Yachthafen Niffer. Direkt am Hafen befinden sich zwei Markierungstonnen, die für mich schwarz aussehen, aufgrund ihrer Kegelspitze aber wohl grüne Tonnen darstellen sollen. Auf der Karte sind sie nicht eingezeichnet, und wir rätseln: Sollen wir die jetzt backbord oder steuerbord passieren?

Solange wir bergwärts gefahren sind, war die Austonnung klar – grün steuerbord, rot backbord. Aber wie ist es jetzt talwärts? Manchmal kehrt sich die Austonnung dann um. Die Karte gibt dazu nichts her. Die Tonnen liegen so nah an den geparkten Booten, dass das eigentlich nur bedeuten kann, dass wir außen vorbei müssen – oder doch nicht? Ich halte auf die Dinger zu, während Thomas zwischen Karte und Spekuliereisen versucht, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden. Im letzten Moment ziehe ich mangels anderweitiger Erkenntnisse nach steuerbord. Das war wohl die falsche Entscheidung – der Tiefenmesser zeigt plötzlich nur noch 10 cm Wasser unter dem Kiel an. Mist! Wir kommen gerade so durch ohne aufzusitzen, und danach fällt Thomas ein, „irgendeine VNF-Meldung“ im Zusammenhang mit Niffer gelesen zu haben.

Le Corbusier hat das Schleusengebäude von Niffer entworfen
Das Gebäude der Schleuse Niffer ist immerhin von Le Corbusier

Inzwischen ist wenigstens die Sicht gut. Es ist sogar sonnig, als wir in den an dieser Stelle kanalisierten Rhein einbiegen. Von hier aus sind es noch 41 km und drei Schleusen bis Breisach, wo wir gerne übernachten würden. Die Wassertiefe ist super, und wir kommen mit ungefähr 13 km/h ganz gut voran. Bloß der Autopilot spinnt und behauptet, er würde keine Daten empfangen. Wir kommen aber natürlich auch ohne Autopilot klar, und ein paar Kilometer später funktioniert er wieder.

An dieser Stelle mündet der Rhône-Rhein-Kanal in den Rhein
Einmündung des Canal du Rhône au Rhin in den Rhein

Das Frachtschiffaufkommen ist nicht so schlimm, wie wir erwartet haben. Eigentlich heißt es ja, wegen des geringen Wasserstands hätte sich der Verkehr auf dem Rhein erheblich erhöht. Weil die Schiffe nicht mehr voll beladen fahren können, müssen sie dafür umso öfter fahren. Das scheint jedenfalls für diesen Streckenabschnitt nicht zu gelten. Und eigentlich, stellen wir schon an der ersten Schleuse fest, wäre mehr Verkehr für uns besser. Wir müssen nämlich eine halbe Stunde auf das nächste Berufsschiff warten, weil man für uns allein keine Schleuse betreibt. Dummerweise ist für Sportboote keine Festmachgelegenheit vorgesehen. Nicht nur, dass wir nicht festmachen dürfen – es ist auch einfach nicht möglich. Also heißt es wieder dümpeln, was bei Strömung und Wind nicht so angenehm ist.

Wir haben zwar Leinen mit einer Länge von 20 m, aber bei diesem Hub sind sie zu kurz für die Schleuse
Unsere 20m-Leinen sind ein klitzekleines bisschen zu kurz für diese Schleuse

Als wir aus der ersten Schleuse endlich rauskommen, zieht es schon langsam wieder zu. Man merkt, der Fluss ist deutlich wärmer als die Umgebung, das führt unweigerlich zu Nebelbildung. Es ist noch nicht schlimm, aber ich schalte zur Vorsicht mal den Radar ein. Hm. Auch der Radar empfängt angeblich keine Daten. Das ist blöd. Wenn die Sicht wirklich schlecht ist, dürfen wir sowieso nicht fahren, auch nicht mit Radar, weil wir den entsprechenden Schein nicht haben. Aber so als Hilfsmittel wäre er doch recht praktisch, vor allem, weil man Frachtschiffe schon früher sieht.

Der Nebel über dem Rhein zieht zu
Da hinten scheint noch die Sonne

Nachdem wir uns immer noch im befestigten Bett des Grand Canal d’Alsace befinden, können wir ganz gut am Ufer entlang auf Sicht fahren, weil die Wassertiefe dort gewährleistet ist. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig, weil es bis Breisach keine einzige Möglichkeit zum Festmachen gibt. Nicht mal ankern könnte man hier.

In der zweiten Schleuse fällt uns auf, dass der Backbordmotor stärker qualmt als sonst. Es ist ohnehin so, dass wir beide Motoren in Holland mal wieder einstellen lassen wollen, weil wir das Gefühl haben, dass sie nicht besonders sauber verbrennen. Aber das ist jetzt schon  komisch. Was uns etwas beruhigt, ist die Tatsache, dass laut Anzeige die Temperatur des Motors im Vergleich zu sonst überhaupt nicht erhöht ist.

Zwischen der zweiten und der dritten Schleuse zieht der Nebel nochmal ordentlich an. Die Sichtweite beträgt inzwischen maximal 100 m. Auch sind wir uns nicht sicher, ob wir noch bei Tageslicht in Breisach ankommen, wenn die letzte Schleuse wieder so lang dauert. Wir werden angewiesen, auf ein holländische Frachtschiff zu warten, das wir vorhin beim Beladen überholt haben. Der Kahn trudelt dann auch ein, aber das Schleusensignal ist noch auf rot.

Nebel über dem Rhein
Die Sicht wird schlechter
Blick aus dem Cockpit - ziemlich viel Nebel über dem Rhein
Wo geht’s lang?

Plötzlich taucht vor uns aus dem Nebel ein hoher Bug auf – ein Frachtschiff fährt aus der Schleuse aus und hält auf uns zu. Es ist an sich genug Platz, damit es zwischen der AWOL und dem holländischen Pott durchkommt, aber zur Sicherheit stoße ich schnell noch mal ein bisschen mit Vollgas zurück. Das hätte ich besser nicht gemacht, denn wir sind sofort in eine beißende Qualmwolke gehüllt, und es ist klar, dass wir mit dem Backbordmotor nicht mehr wirklich weiterfahren können. Blöd ist halt, dass damit nicht nur das Manövrieren mit den Motoren wegfällt, sondern auch unser verbliebener Seitenstrahler am Bug, weil der über die Starterbatterie des Backbordmotors läuft.

In den Großschifffahrtsschleusen liegen die Poller für uns zu weit auseinander, um die AWOL vorne und hinten an Leinen zu legen. Deshalb müssen wir mittig festmachen, und ich bleibe immer am Steuer sitzen und stelle mit Motorkraft und notfalls den Seitenstrahlrudern sicher, dass es uns nicht querstellt. Es ist daher nicht möglich, den Backbordmotor in der Schleuse auszuschalten. Wir ziehen uns die Schals vor Mund und Nase und ertragen mehr oder weniger stoisch die Qualmwolke.

Als wir endlich die Schleuse Vogelgrun verlassen, dämmert es bereits. Zum Glück ist der Yachthafen L’Ile du Rhin gleich um die Ecke. Wir müssen noch eine in der Karte verzeichnete Untiefe an der Inselspitze umfahren, ohne das Ufer aus den Augen und damit die Orientierung zu verlieren, aber das klappt zu unserer großen Erleichterung gut. Zum Anlegen habe ich die Backbordmaschine wieder angelassen. Trotzdem brauchen wir, um längsseits an den Steg zu kommen, die Hilfe von zwei Damen an Land, die sich mit aller Kraft in die zugeworfenen Leinen hängen. Die Strömung in dem eigentlich gut geschützten Hafen ist phasenweise (wie jetzt gerade) überraschend stark, das hängt wahrscheinlich mit der oberhalb liegenden Rheinschleuse zusammen.

Zu guter Letzt haut es uns, nachdem wir uns am Steg eingerichtet haben, auch noch die Sicherung vom Landstrom raus. Wir sind nämlich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass es sich um einen 16 Ampere-Anschluss handelt. Tatsächlich sind es nur 10 Ampere, und wir haben unser Ladegerät nicht entsprechend umgestellt. Der Sicherungskasten ist abgesperrt, und die Hafenmeisterin ist, wie sollte es anders sein, schon weg, Feierabend. Thomas ist glücklicherweise ein Meister der Improvisation, was Stromanschlüsse angeht, verzieht gefühlte 200 m Kabel und kriegt alles soweit zum Laufen, dass wir unsere Heizungen betreiben können. Soll ja kaum mehr als 0° C kriegen die Nacht.

Wir sind bedient für heute, machen uns ein Bier bzw. einen Wein auf und gehen früh schlafen. Dummerweise geht der nächste Tag gerade so weiter. Thomas schaut sich vorsorglich nochmal die Kraftstofffilter des Backbordmotors an. Während er in einer entlegenen Ecke des Maschinenraums rumkriecht, um den Vorfilter auszubauen, fällt ihm auf, dass hinten aus unserem Boiler eine erhebliche Menge Wasser rauströpfelt. Geschickterweise hat das Ding keinen Absperrhahn (wer baut denn sowas ein???). Wir machen die Sicherung raus, damit er wenigstens nicht mehr heizt. Müssen wir halt kalt abspülen, duschen tun wir bei diesen Außentemperaturen eh lieber im Hafengebäude (wegen der Feuchtigkeit im Boot). Das ändert natürlich nichts dran, dass uns die Wasserpumpe langsam aber stetig die Bilge mit Frischwasser vollpumpt. Wir stellen also auch die Pumpe ab und müssen sie für jedes Mal Händewaschen oder Hundenapf auffüllen wieder anstellen. Nervig.

Der Vorfilter sieht ganz normal aus. Thomas macht sich als nächstes an den Feinfilter. Kurz darauf höre ich ein unflätiges Fluchen aus dem Maschinenraum. Die Schraube der Filterkonsole ist abgebrochen. Und die kann man nicht einfach auswechseln, nein, da muss man die gesamte Konsole tauschen. Und wenn der Filter nicht installiert ist, ist die Kraftstoffversorgung unterbrochen, also kann man den gesamten Motor nicht betreiben. 

Wir versuchen zunächst einmal, das Bauteil zu identifizieren. Nirgends ein Hersteller, geschweige denn eine Artikelnummer zu sehen. Bis zu diesem Zeitpunkt wußten wir auch gar nicht, dass das Ding Filterkonsole heißt, das ergeben erst unsere Recherchen. Also vielmehr Thomas’ Recherchen, denn unser bootseigenes Internet funktioniert natürlich auch nicht – unser französischer Provider hat hier keinen Empfang. Mit meinem Mobilfunk-Provider (Vodafone) kriege ich ein bis zwei Balken EDGE, das reicht gerade mal für Whatsapp. Madame la Capitaine sagt auf meine Frage nach Hafen-WLAN: „Wir wartäään Fiebääärrr.“ Okay, bis die hier Fiberglas verlegt haben, sind wir hoffentlich nicht mehr da! Thomas hat glücklicherweise mit seinem Telekom-Handy fünf Balken LTE und auch genug Volumen, dass wir erstmal über die Runden kommen.

Die Filterkonsolen, die wir im Internet finden und die so aussehen wie unsere, dürfen nach Herstellerangaben wegen des zu hohen Drucks nicht (wie bei uns) als Feinfilter, sondern ausschließlich als Vorfilter eingebaut werden. Die Lieferzeit beträgt ohnehin mindestens zehn Tage.

Wir halten uns viel im Maschinenraum auf dieser Tage
Herr Dr. D. untersucht den Motor

Wir telefonieren alle Bootsmechaniker in der Umgebung ab, aber niemand hat kurzfristig Zeit, sich die Sache wenigstens mal anzusehen. Ohnehin müssen wir für den Filter eine provisorische Lösung finden, denn wir könnten dem Mechaniker ja nicht mal vorführen, was das Problem ist, wenn wir den Motor nicht starten können. Thomas radelt also in den Breisacher OBI und erwirbt eine große Schraubzwinge nebst Doppelklebeband. Wenn wir es schaffen, den Filter zu stabilisieren, so unsere Überlegung, könnten wir vielleicht mit einem Motor den Rhein ein Stückchen runterfahren bis zum nächsten größeren Hafen oder zu einer Werft. Mit diesem Plan legen wir uns schlafen.

Die unetre Befestigung der Filterkonsole ist nicht mehr festzuschrauben
Mist!

Am nächsten Morgen wachen wir beide mit einem äußerst unguten Gefühl auf und sind uns einig, dass wir die Fahrt unter diesen Umständen auf keinen Fall riskieren wollen: Nur ein Motor, kein Seitenstrahler, kein Radar, kritischer Wasserstand und zunehmender Frachtverkehr – denkbar schlechte Voraussetzungen. Wir müssen also weiter nach einem Bootsmechaniker suchen.

Während ich mit Xabi bei seinem Morgengassi draußen bin, hält ein Lieferwagen mit Schweizer Kennzeichen vor dem Tor. „RB Yachting“ steht da drauf. Und weiter: „Pannendienst europaweit 24/7“. In der Situation ist das wie eine übersinnliche Erscheinung – mir kommen fast die Tränen. Kein Problem, sagen die Jungs, wir kommen vorbei, wenn wir bei unserem Kunden fertig sind. Tun sie dann auch.

Thomas hat inzwischen das Provisorium mit der Schraubzwinge fertiggestellt, was auch bombig hält, aber der Motor springt jetzt überhaupt nicht mehr an, egal, was die Jungs auch versuchen. Sie bauen die Einspritzpumpe und die Feinfilterkonsole aus und wirken, als ob sie einen Plan hätten. Sie wollen dann auch gleich den Heckseitenstrahler neu verkabeln, die Starterbatterien an unser Mastervolt-Ladegerät anschließen und einen neuen Boiler einbauen. Bis Ende nächster Woche könnten wir fertig sein.

Die Mechaniker haben jede Menge Zeug ausgebaut uns nehmen es mit
Die Mechaniker nehmen das ganze „Glump“ mal mit

Wir fügen uns in unser Schicksal. Thomas fährt mit dem Zug nach Freiburg und holt einen Mietwagen für die Woche. Schauen wir uns halt jetzt das Breisgau an.

Published inRouten

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