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Mops + Rollstuhl = Rollmops

Herr Schmidt und sein AOK Ferrari

Im Sommer 2018 gingen die Beeinträchtigungen los. Auf die Couch springen konnte Herr Schmidt schon länger nicht mehr, und jetzt kam er keine Stufen mehr hoch. Dabei wirkte er aber fröhlich und völlig schmerzfrei. Da ich ja den heissen Sommer in Bayern aussaß, vereinbarte ich im August noch einen Termin in der Tierklinik Haar.

Röntgen geht in der Regel ohne Narkose, also wurde Schmidtchens Wirbelsäule erstmal geröngt. Das Bild ergab keine Hinweise bezüglich einer Diagnose. Okay, Spondylose konnte man jetzt weitgehend ausschließen, aber das war eh kein heißer Kandidat. Wahrscheinlicher: Zyste, Bandscheibenvorfall oder„Dackellähme“. Die Ärztin empfahl, einen Termin für ein MRT und zeitgleich für eine Operation zu vereinbaren, damit der Hund nicht zweimal in Narkose gelegt werden muss. Vorlaufzeit mindestens zwei bis drei Wochen.

Wir kehrten also erst einmal aufs Boot zurück, denn es stand die lange Fahrt von Südfrankreich nach Holland bevor. Während dieser Reise würde sich, so hoffte ich, vielleicht einmal ein Zeitfenster für einen weiteren Bayern-Aufenthalt ergeben. Daraus wurde dann aufgrund der diversen Unwägbarkeiten (WetterBatterieEinspritzpumpe, gutes Essen) nichts – Pläne vertragen sich erfahrungsgemäß nicht wirklich mit dem Bootsleben.

Gleich nach der Ankunft in Rotterdam vereinbarte ich schließlich einen Termin beim Neurologen der Klinik, allerdings erstmal nur fürs MRT – auf einen vorsorglichen OP-Termin wollte er sich nicht einlassen. Nachdem ich endlich einen Mietwagen mit Winterreifen aufgetrieben hatte (gar nicht so einfach in Rotterdam), fuhren Herr Schmidt und ich im Januar im wilden Schneesturm nach Oberbayern.

Der Mietwagen ist eingeschneit - das bedeutet Schaufeln
Mietwagen eingeschneit
Über Nacht hat es wieder alles zugeschneit
Der morgendliche Blick aus der Haustür

Der Termin war eine Art Déja-vu. Ein paar Jahre zuvor waren wir mit unserer Dogge wegen eines ähnlichen Problems beim gleichen Arzt gewesen. Und wie damals schätzte er die Chancen, durch eine OP den Problemen abhelfen zu können, als sehr gering ein. Statt annähernd 1.000 Euro in die Diagnose mittels MRT zu investieren, würde es vielleicht mehr Sinn machen, Herrn Schmidt einen Rollstuhl und gegebenenfalls Physiotherapie zu spendieren.

Der Neurologe meinte, es sei eigentlich meistens schon zu spät für eine Operation, sobald die ersten Symptome aufträten. Die Hunde würden die Beeinträchtigung zu Beginn recht gut kompensieren, und beim Auftreten der ersten Lähmungserscheinungen sei der Nerv im Rückgrat oft bereits zu stark degeneriert, als dass man operativ noch etwas ausrichten könnte.

Okay, das hatte die Kollegin im Sommer noch etwas anders dargestellt, aber ich beherzigte den Rat des Fachmanns und verzichtete auf das MRT. Nach einer knappen Woche ununterbrochenen Schneeschaufelns kehrten Herr Schmidt und ich nach Holland zurück.

Auf der Couch kuscheln kann man auch, wenn man gelähmt ist
Couchkuscheln geht immer

Vor ungefähr zwei Wochen war es dann soweit. Herr Schmidt konnte von einem Tag auf den anderen praktisch gar nicht mehr laufen. Ich hatte mich bereits in Sachen Rollwagen schlau gemacht und festgestellt, dass mein präferierter Hersteller, hunderollwagen.de, tatsächlich in Holland sitzt. Ein erneuter Besuch der Website ergibt – der Firmensitz ist sogar Rotterdam.

Nicht zu 100% einleuchtend sind die Anweisungen zum Abmessen des Hundes
So wird der Hund abgemessen *kopfkratz*

Man kann den Hund selbst abmessen und den Wagen online bestellen, der dann maßgefertigt und zugeschickt wird. Ich finde die Abmessanweisungen ein wenig kryptisch, packe lieber Herrn Schmidt in den Hunderucksack und fahre nach Terminvereinbarung zu der Firma. Das Auto weilt gerade mitsamt dem Gatten in Deutschland, und wir sind auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Herr Schmidt kann dem Trambahn- und Busfahren rein gar nichts abgewinnen und klagt während der gesamten Fahrtdauer lauthals sein Leid – jeweils eine Stunde hin und zurück. Der jodelnde Mops erregt großes Aufsehen bei den Mitreisenden.

Hunde müssen im öffentlichen Nahverkehr von Rotterdam in Taschen transportiert werden
Herr Schmidt HASST den öffentlichen Nahverkehr

Das Abmessen selber geht ganz fix. Vivienne, die den Laden schmeisst, ist da natürlich routinierter als ich. Zwei Tage später steht das Ding dann auch schon zur Abholung bereit. Also wieder Herrn Schmidt in den Rucksack und einmal quer durch die Stadt.

Als Vivienne das Gerät präsentiert, bin ich kurz etwas erschrocken – das ist ja größer als der Mops selbst. Vivienne stellt den Hund in den Wagen und schnallt ihn fest. Noch ehe sie die Feinjustierungen vornehmen kann, düst Herr Schmidt los und erkundet begeistert die Örtlichkeiten. Er hat blitzartig kapiert, was für ein geiles Gefährt das ist!

Für den Rückweg muss er nochmal in den verhassten Rucksack, denn Hunde dürfen in den öffentlichen Verkehrsmitteln nur in Taschen reisen. Von der Straßenbahnhaltestelle aus gehen wir dann zu Fuß zurück. Also ich gehe zu Fuß, Herr Schmidt nur mit der vorderen Hälfte. Es treibt mir Tränen der Rührung in die Augen, wie begeistert Herr Schmidt bei der Sache ist.

Am Anfang bleibt er noch ständig an Bäumen, Blumenkübeln, Bänken hängen – er ist ja jetzt dreimal so breit wie vorher. Es ist ihm aber sofort klar, dass er nur ein Stückchen zurücksetzen und die Kurve etwas weiter nehmen muss. Nach mittlerweile zehn Tagen weiß er ziemlich genau, wie nah er an die Hindernisse ranfahren kann, ohne sie zu berühren. Zu markierende Bäume und Säulen fährt er jetzt frontal statt seitlich an. Randsteine sind überhaupt kein Problem für ihn, und auch Treppen funktionieren, wenn die Stufen tief genug und nicht allzu hoch sind.

Mit dem Rollstuhl kann der Mops auch im Gelände laufen
Herr Schmidt ist auch geländegängig, hier im Hefpark
Der Hunderollwagen von hinten
So sieht das Ganze von hinten aus

Pinkeln, Kacken – alles kein Problem, wird ganz cool im Wagen erledigt. Okay, er würde schon gerne richtig an den Baum bieseln und nicht davor auf den Boden, aber hey, kannste nich alles haben. Begegnungen mit anderen Hunden verlaufen wie vorher auch, keiner mobbt Herrn Schmidt wegen seines Rollstuhls – er hat allerdings auch noch niemanden überfahren, das kann noch kommen. Und über Einsamkeit muss man sich nicht beklagen, wenn man mit einem Mops im Rollstuhl Gassi geht – alle zwanzig Meter wird man in ein Gespräch verwickelt.

Published inHund an BordNiederlande

3 Comments

  1. Rollwagen + Mops = rollmops…..ha, ha, ha, ganz toll. Ich werde es auf unsere website benutzen. Haben sie das erste bild auch in MB-grosse? Dann setze ich es dabei.

    Ich bin ganz froh das ihr beide so viel spass habt mit der rollwagen!

    Liebe grusse,
    Vivienne

  2. Toller und unterhaltsamer Artikel. Ich bin froh hat Herr Schmidt den Rolli so gut akzeptiert! Scheint ja eine Naturbegabung zu haben!

    • Barbara Barbara

      Tatsächlich ist das wohl bei der Mehrzahl der Hunde so, habe ich gelesen. Die sind erstaunlich anpassungsfähig!

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