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Kleine Erholungspause in Les Roches-de-Condrieu

Les Roches-de-Condrieu

8. bis 11. Oktober 2018

Auf den Hafen in Les Roches-de-Condrieu haben wir uns gefreut. Den fanden wir nämlich letztes Jahr auf der Talfahrt schon sehr sympathisch. Das 2000-Einwohner-Kaff als solches ist mäßig schön und ziemlich verschlafen. Der Hafen liegt aber recht idyllisch mit Blick auf die Weinberge, und es leben dort sehr viele Menschen dauerhaft auf ihren Booten. Der junge Mann von der Capitainerie ist auch supernett und hilfreich.

Hafen von Les Roches-de-Condrieu
Blick über den Hafen von Les Roches-de-Condrieu
Unser Boot im Hafen von Les Roches-de-Condrieu
Die AWOL im Hafen von Les Roches-de-Condrieu

Wir planen, hier einen Pausentag einzulegen, weil wieder einiges erledigt werden muss. Staubsaugen, Wäsche waschen, so Zeug machen wir lieber mit Landstrom als mit Generator (mit drei stark haarenden Hunden an Bord kommt man da schnell in einen Rückstand). Und wir müssen uns ja auch mit unseren technischen Problemen auseinandersetzen.

Piratenschiff im Hafen von Les Roches-de-Condrieu
Das Piratenschiff gefällt uns gut!

Diesmal haben wir es tatsächlich geschafft, am Tag des Wochenmarkts (Dienstag) da zu sein. Normalerweise verpassen wir den Markt nämlich um ein bis zwei Tage, egal wo wir hinfahren, es sei denn, wir bleiben dort hängen. In Les Roches-de-Condrieu ist es nicht ganz einfach, den Markt überhaupt zu lokalisieren. Der eigentliche Marktplatz wird gerade umgebaut, und der Ersatzplatz liegt gut versteckt mitten in einem kleinen Plattenbauviertel. Wir hatten gehofft, uns durch den Marktbesuch den Trip in den relativ weit entfernten Carrefour ersparen zu können, aber außer tollem Grillfleisch und etwas Käse finden wir nicht wirklich was für unsere Vorratskammer.

Wochenmarkt von Les Roches-de-Condrieu an seinem Ausweichplatz
Der Wochenmarkt ist überschaubar

Nach diesem Ausflug sind wir auch so müde, dass außer einer ausgedehnten Gassirunde (inklusive Strandbesuch für Lisbeth) nicht mehr viel drin ist an diesem Tag. Muss das Wetter sein. Darum beschließen wir, noch einen weiteren Tag dranzuhängen. Praktischerweise ist die dritte Nacht umsonst, wenn man schon zwei bezahlt hat. Abends grillt Thomas unsere Beute vom Wochenmarkt, wirklich lecker.

Neben uns hat ein deutsches Paar angelegt mit seinem kleinen Bénéteau Swift Trawler, den wir in Valence im Hafen schon gesehen haben. Sie erzählen uns ihre Leidensgeschichte. Sie haben das Boot eben erst in Italien, in Rapallo, gekauft. Nun haben sie sich drei Wochen Urlaub genommen, um das Ding nach Heilbronn zu fahren. Die komplette letzte Woche saßen sie in Épervière fest wegen einer defekten Wasserpumpe. Nun ist ihnen heute auf der Strecke zwischen Épervière und Les Roches-de-Condrieu was am Getriebe kaputtgegangen, und sie können nicht mehr über 1500 Umdrehungen fahren. Immerhin sind sie damit noch schneller als wir bei unserer normalen Reisegeschwindigkeit, aber in den verbliebenen zehn Tagen die Strecke nach Heilbronn zu schaffen ist utopisch. Wir fühlen uns gleich besser angesichts dieses Elends.

Am Mittwoch nehmen wir dann tatsächlich unsere Baustellen in Angriff. Ich räume mein komplettes Bett inklusive Matratzen und Lattenroste ab, damit wir an die Revisionsklappe für den Heckseitenstrahler kommen. Als Thomas die Verkleidung des Steuerungselements aufschraubt, wird uns ein wenig übel, denn die ist innen angekokelt. Das empfinden wir als ziemlich bedrohlich!

Die Abdeckung der Steuerungseinheit des Heckseitenstrahlers ist von innen angekokelt
Von innen angekokelt: Abdeckung der Steuerungseinheit des Heckseitenstrahlers
Die Steuerungseinheit unseres Heckstrahlruders
Die Steuerungseinheit des Seitenstrahlruders

Wir beschließen, uns den Propeller des Heckstrahlruders nochmal mit der Unterwasserkamera anzuschauen. Vielleicht hat Diego den bei seinem Reinigungstauchgang übersehen? Wäre nicht verwunderlich, denn wir haben auch einige Zeit gebraucht, bis wir ihn gefunden haben. Er ist gut versteckt unter der Badeplattform. Michael, der Voreigner der AWOL, hat uns Fotos aus der Bauphase des Schiffes überlassen, und lustigerweise ist er auch auf denen nicht drauf. Es scheint da eine spontane, nicht dokumentierte Planänderung gegeben zu haben.

Die Auswertung der Kamerabilder bestätigt unsere Theorie: Der Propeller ist stark bewachsen. Es erscheint uns plausibel, dass der Bewuchs den Lauf des Propellers derart hemmt, dass er heißläuft.

Der Propeller unsere heckseitigen Seitenstrahlruders ist völlig bewachsen
Ordentlich Bewuchs am Propeller

Es fällt Thomas bei der Gelegenheit auch wieder ein, dass unser Lieblingsbootsmechaniker Fred von Ship Shape schon vor eineinhalb Jahren den zu geringen Querschnitt der Elektroleitungen der Seitenstrahlruder bemängelt hat. Das würde ein Überhitzen natürlich begünstigen. Außerdem hat Fred vergeblich nach einer Sicherung in der Verkabelung gesucht. Es gibt für jeden Seitenstrahler eine eigene Stiftsicherung, womit man manuell eine Notabschaltung auslösen kann. Einen Überlastungsschutz in Form einer Schmelzsicherung gibt es aber tatsächlich nicht.

Thomas geht also nochmal baden, diesmal bei knapp unter 18° C Wassertemperatur. Mit einem Spachtel kratzt er den Bewuchs von den Propellern ab, sogar auf der schlecht zugänglichen Rückseite. Damit ist er der Held des Tages. Trotzdem beschließen wir, den Heckseitenstrahler vor einer Neuverkabelung nicht mehr zu benutzen. Damit ihn keiner von uns aus Versehen betätigt, lassen wir die Stiftsicherung, die wir vor Thomas’ Spachtel-Aktion zur Sicherheit entfernt haben, gleich draußen.

Reinigung des Propellers des Heckstrahlruders
Thomas beim Reinigen des Propellers

Wo wir gerade die Revisionsklappe unter meinem Bett offen haben, befassen wir uns auch endlich mal mit dem Thema Notpinne. Das wollten wir schon machen, seit wir auf diesem Boot leben. Falls nämlich die hydraulische Steuerung des Boots ausfallen sollte, gibt es eine Notvorrichtung, mit der man die Ruder manuell bedienen kann. Diese befindet sich ebenfalls unter meinem Bett und besteht aus zwei Metallrohren, die man quasi direkt auf das Rudergestänge schraubt. Das Problem ist bloß: Derjenige, der dieses manuelle Ruder bedient, sitzt in der Heckkabine und kann natürlich überhaupt nicht sehen, wo er hinsteuern soll.

Jetzt verstehen wir, warum es ein Handfunkgerät an Bord gibt. Das erschien uns bisher ein wenig lächerlich, denn bei 15 Metern Bootslänge funktioniert die Kommunikation auch ganz gut ohne Funk – aber natürlich nicht vom Steuerstand bis unter mein Bett, zumal bei laufenden Motoren. Ich lade also umgehend das Handfunkgerät auf und versehe es auch noch mit einem Aufkleber, der die Bordfunkkanäle angibt (15 und 17). Im Notfall würde uns das bestimmt nicht einfallen…

Vorsorglich schauen wir uns auch noch die Steuerungseinheit des Bugseitenstrahlers an, aber die wirkt unauffällig.

Am nächsten Morgen brechen wir mit frisch gesaugtem Salon Richtung Lyon auf. Noch beim Ablegen stelle ich fest: Der Bugseitenstrahler geht nicht. Das ist jetzt richtig blöd, denn ganz ohne Seitenstrahlruder sind wir wirklich sehr eingeschränkt in der Manövrierfähigkeit, zumal bei dem vorhergesagten Wind. Während ich in Kriechgeschwindigkeit in die Rhône hineintuckere, sucht Thomas fieberhaft nach der Fehlerquelle. Ob sich beim Abschrauben der Abdeckung der Steuerungseinheit ein Kontakt gelöst hat? Haben wir vergessen, irgendwas anzuschalten? Vielleicht ist die Stiftsicherung für den Bugseitenstrahler in irgendeiner Form defekt? Thomas tauscht sie probehalber gegen die Stiftsicherung des Heckseitenstrahlers aus, die ja eh rumliegt. Nichts tut sich.

Notabschaltung der Querstrahlsteueranlage durch Ziehen dieses Stifts
Durch Herausziehen dieses Stifts wird die Stromversorgung des Seitenstrahlruders unterbrochen

„Und wenn du“, frage ich zaghaft, „die Sicherung für den Heckstrahler wieder reintust?“ Mich trifft ein strenger Blick von Thomas, verbunden mit einem Augenrollen. Aber ganz ehrlich, das wäre dieser Werft zuzutrauen. Sie haben sicherlich einiges richtig gemacht beim Bau dieses Schiffes, aber Bootselektrik gehört definitiv nicht zu deren Kernkompetenzen! Thomas will ja nichts unversucht lassen und befolgt den Vorschlag dann doch. Und siehe da – der Bugstrahler funktioniert.

Toll. In der Konsequenz bedeutet das: wenn wir aus irgendeinem Grund die Notabschaltung für das Heckstrahlruder bedienen müssen, haben wir auch kein Bugstrahlruder mehr. Das ist wirklich brilliant gelöst! NICHT. Ein Punkt mehr für unseren nächsten Werkstattaufenthalt. Die Liste wird länger und länger. Derweilen sind wir aber sehr glücklich, dass wir nicht umkehren müssen, und geben Gas Richtung Lyon.

Published inFrankreichLernkurveRouten

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