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Gefangen in Antwerpen

Zu Corona-Zeiten auf dem Hausboot in Belgien

Der Überwinterungsvertrag für den Jachthaven Willemdok in Antwerpen endet zum 31. März. Im April wollte ich von dort aus in Richtung Norden aufbrechen. Inzwischen gehen wir jedoch aufgrund der allgemeinen Corona-Einschränkungen davon aus, dass aus unserem Sylt-Sommer nix (oder jedenfalls nix Gescheites) wird, und stornieren den Hafenplatz in Hörnum. Statt dessen buche ich ab 1. April einen Jahresplatz in meiner Lieblingsstadt Rotterdam, um die Pandemie dort auszusitzen.Stromkasten in Antwerpen mit Illustration eines Palsteks

Am 17. März tritt in Belgien der Lockdown in Kraft. Auch die Sportschifffahrt wird offiziell eingestellt. Optimistisch, wie ich bin, denke ich, dass mich das nicht betrifft. Der Antwerpener Hafen grenzt unmittelbar an die Niederlande. Rauslassen wird man mich immer, glaube ich – zwei Brücken auf, und ich bin weg.

Meine Rotterdamer Ex-Nachbarn, die ebenfalls in Antwerpen überwintern, sind da misstrauischer – und schlauer, wie sich zeigen wird. In einer Hals-über-Kopf-Aktion brechen sie die Zelte ab und verlassen am 18. März morgens mit ihrem Boot den Hafen. Als ich mit den Hunden rausgehe, teilt mir der Hafenmeister mit, dass die Brücken ab jetzt nicht mehr geöffnet werden. Das ist blöd.Wasserschlauch steckt in der Öffnung des Wassertanks des Boots

Die Sache zieht sich. Irgendwie ergibt es keinen Sinn, dass mich die Belgier hier festhalten, denn sie müssten ja um jeden Ausländer froh sein, der das Land verlässt. Natürlich halten sie nicht mich selber fest, ich könnte jederzeit abreisen, aber ich darf halt meine Wohnung nicht mitnehmen. Vielleicht könnte ich eine Sondergenehmigung beantragen. Aber ich verwerfe den Gedanken schnell wieder. Irgendwie ist ja jeder ein Sonderfall, das bringt uns alle nicht weiter in der Krise. Also warte ich. Und warte.Cappucino unter der Milchschaumdüse eines Jura Vollautomaten

Irgendwann wird es bedrückend. Damit wir uns nicht missverstehen: Antwerpen ist eine supertolle Stadt – bloß habe ich jetzt nichts davon. Ich umrunde zweimal am Tag mit den Hunden den Hafen und gehe einmal in der Woche einkaufen. Den Rest der Zeit verbringe ich an Bord. Alleine. Es wohnen nur wenige Leute ganzjährig im Hafen, auf meinem Steg gar keine. Man kann also nicht mal mit den Nachbarn quatschen. Meinen Vater, der südlich von Brüssel bei seiner Freundin in Quarantäne ist, nur eine Stunde von hier, darf ich auch nicht treffen. Immerhin ist der Ausblick wirklich schön.Blick über ein Glas hinweg auf den Jachthaven Willemdok Antwerpen

Das Denunziantentum lebt auch in Belgien. Am 6. April geht eine eMail beim Hafenmeister ein. Man selber würde sich an die Regeln halten und zu Hause bleiben, trägt ein Bürger anklagend vor, aber da seien Leute im Hafen auf ihren Schiffen, sogar eine deutsche Flagge habe man gesehen. Der Hafenmeister klärt den Beschwerdeführer auf, bittet aber seinerseits die Hafenbewohner, sich in Anbetracht der Lage unauffällig zu verhalten, auf Außenarbeiten zu verzichten und die Flaggen einzuholen.Dose Jupiler auf dem rettungsfloß des Boots

Am 4. Mai, nach sieben Wochen, endlich eine erste Lockerung. Innerhalb Belgiens ist der Wassersport wieder erlaubt. Die Grenze darf man allerdings weiterhin nicht überqueren. Ich überlege, ob ich das Boot vielleicht nach Oostende bringen könnte bis zum Ende des Lockdowns. Strandspaziergänge und so, das würde den Hunden und mir gefallen. Diese Überlegungen werden zwei Tage später durch eine weitere eMail zunichte gemacht. Die Sportschifffahrt als solche ist zwar erlaubt, aber der Hafen Antwerpen untersagt die Nutzung seiner Schleusen durch Sportboote. Pauschale Begründung: Corona. Allmählich regt sich wirklich Unmut bei mir.

Unmut regt sich natürlich nicht nur bei mir, sondern auch bei den vielen, vielen Holländern, die ihre Boote über den Winter in Antwerpen geparkt haben. In den Niederlanden ist der Sportbootbetrieb kaum eingeschränkt, und bei dem schönen Wetter schippern alle durch die Gegend. Da ist es richtig ärgerlich, wenn das eigene Boot in Belgien festhängt.Freilandmuseum für alte Kräne an der Schelde in Antwerpen

Am 13. Mai dann endlich die erlösende eMail: Die Belgier dürfen zwar immer noch nicht raus, aber französische, britische, niederländische und deutsche Boote dürfen von ihren Eignern über die flämischen Grenzen gebracht werden. Euphorisch fange ich an, meine Abreise zu organisieren. Da teilt mir der Hafenmeister bedauernd mit, er hätte mit der Hafenpolizei telefoniert, und diese Lockerung gelte nur für Holländer. Deutsche Boote müssten noch hierbleiben. Das widerspricht komplett der offiziellen Verordnung, und ich werde langsam sauer.

Am Wochenende vom 16. Mai verlassen Horden von rot-weiß-blau-beflaggten Booten den Hafen. Ich hingegen werde schnöde auf eine Telefonnummer verwiesen und bin ziemlich frustriert. Am 17. Mai tuckert ein holländischer Nachzügler morgens aus dem Hafen. Nachmittags ist er wieder da. Wie ich erfahre, hat ihn die Hafenpolizei kurz vor der Einfahrt in die Schelde-Rhein-Verbindung aufgebracht und wieder zurückgeschickt. Der Eigner ist zwar Niederländer, und sein Schiff fährt unter niederländischer Flagge, aber den Wohnsitz hat er in Antwerpen – damit fällt er natürlich unters Ausreiseverbot.Bulldogge legt das Kinn auf die Schulter von Frauchen

Am Montagmorgen beginnt meine telefonische Odyssee. Buchbinder-Wanninger-mäßig telefoniere ich mich von Polizeipatrouille zu Polizeidirektion zu Polizeipatrouille zu Polizeidirektion zu Hafenbehörde. Sämtliche Polizisten, mit denen ich spreche, haben noch nie gehört, dass deutsche Boote nicht ausreisen dürfen. Bei der Hafenbehörde weiß man davon auch nichts, aber man wälzt vorsichtshalber noch einen halben Tag lang die Vorschriften. Dann gibt man mir auch von dort aus grünes Licht.

Da ich alleine nach Rotterdam fahren muss, brauche ich zwei wirklich windstille Tage. Der 20. und 21. Mai bieten sich laut Wetterbericht an. Ich stürze mich also in die letzten Reisevorbereitungen.  Motor testen (läuft 1a), Wasser und Proviant bunkern, Fahrrad wieder an Deck verstauen, was man halt so macht. Das meiste habe ich eh schon vorher erledigt in der Hoffnung auf baldige Abreise. Sehr positiv überrascht bin ich vom Entgegenkommen des Yachthafens: für die unfreiwillig hier verbrachte Zeit wird keine Liegeplatzgebühr berechnet, nur der verbrauchte Strom.T-Shirt mit Eintracht Frankfurt-Logo hängt auf der Wäscheleine des Boots

Am 20. Mai morgens fahre ich rüber zur Hafentankstelle und fülle 500 Liter Diesel nach. Der Hafenmeister ruft für mich beim Brückenwärter an und bestellt die Brückenöffnung für zehn Uhr. Um dreiviertel zehn kommt er wieder ans Boot. Sorry, aber ich darf leider nicht fahren. Nur Holländer, keine Deutschen.

Damit ist klar, wo diese Information herkommt. Der Brückenwärter, der mir als Pedant beschrieben wird, hat einen Spezl von der Hafenpolizei angerufen, und der hat diese Behauptung in die Welt gesetzt. Es sei nämlich so, dass die Holländer mich nicht reinlassen würden. Im Übrigen, lässt man mir ausrichten, würde man mir zwar gern die Brücken aufmachen, aber es würde 250 Euro Bußgeld kosten, wenn ich ohne Genehmigung in den Antwerpener Hafen einfahre.Die Sonne geht hinter dem MAS und einem historischen Dreimaster im Willemdok Antwerpen unter

Jetzt reicht’s mir aber wirklich. Es ist klar, dass das ausgemachter Blödsinn ist, denn Holland hat seine Grenzen zu keinem Zeitpunkt geschlossen. Natürlich habe ich vorher gecheckt, ob ich nach Zeeland einreisen darf! Und ich habe eine Genehmigung von der Hafenbehörde! Kochend vor Wut suche ich nach einem neuen Liegeplatz, wo das WLAN besser ist als am alten.

Während ich am Leinen Klarmachen bin, kommt der Hafenmeister nochmal auf den Steg gelaufen. Er macht scheuchende Handbewegungen. Ich kann doch fahren. Er hat selber nochmal mit der Hafenbehörde telefoniert und den Brücken-Honk über seinen Irrtum informiert. Während ich ihm zutiefst dankbar ein paar Kusshände zuwerfe, höre ich auch schon das Klingelsignal der Brücke. Ich kann es nicht fassen! Es geht los!!!Lichtspiel auf dem Bug des Schiffes mit dem Namenszug und einer Leine mit Palstek

Während des Lockdowns hatte ich Zeit und Muse, an einer Facebook-Challenge teilzunehmen. Zehn Bilder in Schwarzweiß über mein tägliches Leben. Die passen recht gut zu diesem Artikel, deswegen habe ich sie hier nochmal verwendet.

Published inBelgienBootsleben

4 Comments

  1. Saskia van Oordt-Andringa Saskia van Oordt-Andringa

    Nah, So eine Geschichte! 🤪 Das war ja zegt frustrierend für Dich!!!
    Habe gleich Neues geletnt: Denunzianten (totaal Blöd, die er Person!) und die Buchbinder-Vergleich. 🤩 In Holland heist das ‚Paarse Krokodil‘, nach einen Fernseh Werbung von OHRA Versicherungen. (Sehe Youtube )
    „Ook wel: red tape of Amtsschimmel De paarse krokodil is een symbool en metafoor voor regelzucht en bureaucratie. Het wordt veel gebruikt voor overbodige regels die een klantgerichte dienstverlening of logische beslissingen en optreden verhinderen.“
    Och eerde das gypsyboat.com volgen in Facebook! Tol!

    • Barbara Barbara

      Danke Saskia, jetzt habe ich auch was Sinnvolles gelernt! 😀

  2. Claude Paris Claude Paris

    Danke für diesen Beitrag. Geduld, Geduld, Geduld… nicht immer einfach. Take care. xx

  3. Schorsch Schorsch

    Hallo Tochter,
    ich hoffe Du bist nicht generell sauer auf die Belgier. ich bin hier seit fast 5 Jahren ein gern gesehener Gast und habe in dieser Zeit viel positive Eindrücke gesammelt.

    Sobald ich auch per Auto ohne Probleme reisen kann komme ich nach Rotterdam.

    Liebe Grüße
    Schorsch

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