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Abschied von Rotterdam Richtung Osten

Auf Lek und Niederrhein von Rotterdam nach Wijk bij Duurstede

Tag 1: 29. Mai 2019 Von Rotterdam nach Vianen – 48 km – 5 h

Heute schaffen wir es loszulassen. Der Liegeplatz ist bezahlt. Die Motoren laufen. Alles ist bereit. Es gefällt uns hier in Rotterdam richtig gut. Diese wunderschöne Stadt! Aktuell haben wir wieder das Problem, uns nicht vorstellen zu können, dass es irgendwo noch toller wird, wie schon so oft.

Blick über eines der beiden Becken des Entrepothavens Rotterdam
City Marina Rotterdam im Entrepothaven
Die AWOL liegt in der City Marina Rotterdam, im Hintergrund die modernen Wohnhäuser
Unser aktueller Liegeplatz
Ein wunderschöner Regenbogen erstreckt sich über die gesamte City Marina Rotterdam
Regenbogen über der AWOL
Wir trinken ein Bier auf dem Vordeck, während die Sonne hinter der an die City Marina Rotterdam angrenzenden Wohnbebauung untergeht
Barbara mit Bier im Sonnenuntergang
Der Sonnenuntergang zaubert ein farbenprächtiges Spektakel und taucht auch den Marina Toren in knallige Pink- und Orangetöne
Abendstimmung im Hafen

Nach exakt 165 Tagen in Rotterdam funken wir am 29. Mai 2019 auf VHF 20 die Binnenhavenbrug an. Diese hebt sich und wir fahren durch. Wir lassen den eindrucksvollen Maastoren hinter uns. Vor der Erasmusbrug schlagen wir einen Bogen um die Spitze von Noordereiland und biegen in die Nieuwe Maas ein. Nach der Wilhelminabrug eröffnet sich ein letzter Blick auf die Skyline von Kop van Zuid, das Manhattan Rotterdams. Jetzt haben wir Tränen in den Augen und versichern uns gegenseitig, bald wieder zu kommen.

Blauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken über dem grünlichen Wasser des Entrepothavens
Ausfahrt aus dem Entrepothaven bei Kaiserwetter
Die Ausfahrt aus der City Marina Rotterdam ist nur möglich, wenn die Binnenhavenbrug angehoben wird
Die Binnenhavenbrug wird für uns angehoben
Der Maastoren, das höchste Gebäude Rotterdams, grüßt zum Abschied
Maastoren und Skyline

Wir planen, mit der AWOL nun eine lange Strecke gegen ordentliche Strömung bergwärts (also flussaufwärts) zu fahren. Etwa 200 Kilometer ab Rotterdam auf den Rheinarmen bis zur Einfahrt in die – so unsere Annahme – strömungsfreien Kanäle bei Wesel (Wesel-Datteln-Kanal). Wir müssen bei leichtem Hochwasser gegen bis zu 7 Km/h Gegenströmung anfahren. Das bremst uns auf mäßige Schrittgeschwindigkeit runter. Das nenne ich dann mal Entschleunigung, wenn selbst die Kuh am Flussufer schneller geht als wir fahren.

In der Mündung der Hollandse Ijssel befindet sich eine günstige Bunkerstation, die gut besucht ist
Zuerst wird getankt – Bunkerstation Terlouw in der Mündung der Hollandse Ijssel

Der Rhein hat hier viele Namen: Los geht’s für uns bei viel Verkehr auf der Nieuwe Maas, Tanken auf der Hollandsche IJssel (ein Nebenfluss), nach ein paar Kilometern auf den Lek, ab der Kreuzung mit dem Amsterdam-Rhein-Kanal auf den Nederrijn, hinter Arnheim sind wir dann auf dem Pannerdenschkanaal und schließlich auf dem Rhein. Das Wasser ist überall dasselbe und kommt jedenfalls teilweise aus der Schweiz. #dieSchweizistueberall

Ein Flusskreuzfahrtschiff der Reederei Viking legt gerade von der Haltestelle Kinderdijk ab
Hotelschiff aus Basel vor dem Kinderdijk auf dem Lek #dieSchweizistueberall
Wir überholen ein historisches Segelboot auf dem Lek, das nicht besonders schnell vorankommt
Historisches Segelboot auf dem Lek

Wir fahren bei Flusskilometer 1001 in Rotterdam los und kommen 5 Stunden und 48 Kilometer später bei Kilometer 953 im Yachthafen der Watersportvereniging de Peiler in der Nähe von Vianen an. Die auflaufende Flut auf Nieuwe Maas und Lek hat uns bis hierher noch etwas angeschoben.

Hier platzen wir zufällig mitten in eine nautische Traditionsveranstaltung hinein. Es sind Sleepbootdagen (Schleppboottage) in Vianen. Historische Schleppboote kommen hier aus den gesamten Niederlanden zusammen, um gemeinsam zu feiern. Ein paar von ihnen haben sich schon am Vorabend in unserem Hafen versammelt, um morgen dann gemeinsam in den Stadthafen von Vianen zu fahren. Wir freuen uns, noch.

Ein weiteres kleines Schleppboot stößt zu denen, die sich bereits im Hafen versammelt haben
Ein weiteres Schleppboot fährt in den Hafen ein
Vorne liegt die AWOL, im Hintergrund auf der anderen Seite des Hafens die alten Schleppboote
Liegeplatz der AWOL – im Hintergrund Schleppboote
Die älteren Herrschaften sitzen alle auf ihren liebevoll rastaurierten Schleppbooten und feiern
Schleppboote mit Senioren

Ein Schleppboot, so lernen wir, ist zwar putzig, aber auch laut. Das Motorengeräusch erinnert an einen alten Rasenmäher mit Zweitaktmotor und angebohrtem Auspuff. Das Schiffshorn steht der Motorenlautstärke in nichts nach. Die Kapitäne sind weit überwiegend fortgeschrittenen Alters und dem Alkohol nicht abgeneigt. Hein Blöd rammt mit seinem Schleppboot bei der Einfahrt in den Hafen fast die Steganlagen weg. Er ist scheinbar auch zu besoffen, um ein Tau zu den am Steg stehenden Helfern zu werfen, bis schließlich der Hafenmeister eingreift und die Situation rettet. Bis tief in die Nacht überbieten sich die Kapitäne unzähliger Schleppboote mit ihrem Motorensound, lassen aufheulen, und wenn das nicht überzeugt, wird das Schiffshorn hinterhergeschickt, bis die Batterie in die Knie geht. Holländische Schlager füllen die Pausen zwischen den Schiffsgeräuschen.

Tag 2: 30. Mai 2019 Von Vianen nach Wijk bij Duurstede – 25 km – 3 h – 1 Schleuse

Am nächsten Morgen vor der Abfahrt mache ich den obligatorischen Motorencheck und stelle überrascht fest, dass sich das Öl aus dem Backbordmotor weitgehend verabschiedet hat. Es liegt nun in der Bilge. So eine Schweinerei! Scheinbar habe ich die neuen Ölfilter beim Ölwechsel in Rotterdam nicht stark genug angezogen. Ich habe immer die Weisheit im Hinterkopf „zu fest ist ab“. Man lernt eben nie aus. Glücklicherweise ist die Bilgenpumpe nicht angesprungen, sonst hätte sich um unser Schiff herum ein Ölteppich gebildet. Ich ziehe die Ölfilter fester, fülle 5 Liter Öl nach, pumpe die Suppe in der Bilge in leere Altölkanister, und es kann losgehen.

In der Bilge hat sich Motorenöl gesammelt
Schweinerei in der Bilge – ausgelaufenes Motorenöl

Wir beschließen spontan, die Fahrtstrecke zu verkürzen, weil: der Weg ist das Ziel. Wir haben keine Lust, länger als 4 Stunden täglich zu fahren. Wir peilen Wijk bij Duurstede an. Unterwegs lernen wir schon wieder was Neues. Hier auf dem Niederrhein gibt es Fähren, deren Führungsseil in der Flussmitte verankert ist. Die Taue sind alle paar Meter mit einem kleinen farbigen Boot markiert. Man muss also sehr drauf achten, auf welcher Seite man die Fähre passiert. Barbara schimpft: „Können die ihre Taue nicht besser markieren!“

Gelbe Bojen in Form kleiner Bötchen markieren die Führungsleine der Fähren auf dem Niederrhein
Markierung des Führungsseils der Fähre (im Hintergrund)

Kurz vor Wijk bij Duursteede kreuzen wir den stark befahrenen Amsterdam-Rhein-Kanal. Den sind wir auch schon mal im Dezember Richtung Amsterdam gefahren. An der schlecht einsehbaren Kreuzung gibt Barbara Gas, da ein großes Frachtschiff ungebremst daherkommt. Schön auch der Funkverkehr zwischen Sektorüberwachung und Frachtschiffkapitän. Kapitän: „Hallo Sektor Millingen, ich fahre in die Kreuzung ein Richtung Norden.“ Lotse: „OK. Alles frei. Da kommt nur ein Sportboot bergwärts.“ Letzteres wären dann wir, aber so ein kleines Sportboot kann man ja unterpflügen.

25 Kilometer, bei PK 928, und drei Stunden sowie eine Schleuse später fahren wir in den Stadshaven Wijk bij Duurstede ein. Aus Distanz gefällt uns der zentral gelegene Stadshaven spontan besser als die beiden Yachthäfen kurz hinter der Stadt. Im Yachthaven Lunenburg hatten wir im Dezember 2016 bereits eine Nacht verbracht, war auch schön dort, aber nicht so zentral.

Der Stadthafen von Wijk bij Duurstede liegt unmittelbar vor den Toren der Stadt, nur ein Deich trennt uns
Liegeplatz im Stadshaven Wijk bij Duurstede
Der Hafen und die Stadt Wijk bij Duurstede mit ihrer markanten Windmühle bieten ein schönes Panorama bei der Ausfahrt
Stadshaven in Wijk bij Duurstede

In Wijk Bij Duurstede (was für ein Name) gefallen uns besonders gut der Park mit Wasserschloss und die putzige Innenstadt. Direkt am Hafen steht eine prominente Mühle.

Lisbeth kann vor dem Wasserschloss von Wijk bij Duurstede baden
Lisbeth am Wasserschloss
Üppige Gärten mit bunten Blumen am Schlosspark von Wijk bij Duurstede
Häuser und Gärten grenzen hier an den Schlosspark
Die Windmühle von Wijk bij Duurstede dominiert die Stadt- und Hafenansicht
Die Windmühle überragt den Hafen und die kleine Werft
Eine ältere Dame läuft lachend vor der Windmühle von Wijk bij Duurstede über die Straße
Fröhliche Oma (nicht unsere) vor der Windmühle
Wijk bij Duurstede wird von hübschen alten, kopfsteingepflasterten Gässchen durchzogen
Hübsche alte Gässchen im ganzen Ort

Ich nutze das erstaunlich saubere Rheinwasser im Stadshaven, um die neu installierte Deckswaschanlage zu testen. Die Anlage saugt Flusswasser durch einen Filter an und befördert es an einen Hahn auf dem Badedeck. Dort schließe ich einen Schlauch an. Ich habe hier bereits in Rotterdam eine extra starke Pumpe eingebaut und die bestehenden Schläuche durch Hochdruckschläuche mit neuen Schlauchschellen ersetzt. Ich will jetzt sehen, wie weit ich damit spritzen kann. Außerdem ist die AWOL so dreckig, dass es sogar uns fast schon peinlich ist.

Kaum begonnen, kommt der Hafenmeister angerannt und bedeutet mir, das Wasser sei nicht zum Waschen der Boote da, sondern zum Trinken. Ich weiss zwar, was er meint. Er denkt, ich nutze das Frischwasser vom Steganschluss, um das Boot zu waschen, was in den meisten Häfen untersagt ist. Ich sage trotzdem „Igitt“ und „Ihr Holländer seid ja harte Hunde“. Er versteht meinen Witz nicht. Das Tischtuch ist seitdem irgendwie zerschnitten, und wir reisen bald darauf ab. Es geht weiter Richtung Osten.

Published inNiederlandeRouten

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